HAMBURG. – Als vorige Woche in Ohlstedt die Container anrückten, gab es für die Lastwagen kein Durchkommen. Aufgebrachte Eltern hatten mit ihren Privatautos die Zufahrt zum Schulgelände in dem Hamburger Stadtteil blockiert. Polizei und Behördenvertreter mußten die Protestaktion hilflos mit ansehen. Zuvor schon hatte die Elternschaft mit zweimaligem Schulboykott deutlich gemacht, daß sie mit dem Vorhaben der Sozialbehörde ganz und gar nicht einverstanden ist.

Diese plante nämlich, auf dem Pausenhof der Grundschule „Im Walde“ bis zum Frühjahr hundert Asylbewerber in vierzig Wohncontainern unterzubringen. Für die Eltern galt es, aus Angst um das Wohl ihrer Kinder und aus Furcht vor Kriminalität, dies zu verhindern. Eine ganze Nacht lang harrten die Ohlstedter aus, bis die Sozialbehörde anderntags schließlich einlenkte. Das Containerdorf wird nun auf einer bislang brachliegenden Wiese am Ortsrand des grünen Einfamilienhausidylls errichtet.

Während die Ohlstedter ihren Erfolg feiern, sorgt dieser für böses Blut in den sozial schwachen Stadtvierteln, die sich seit langer Zeit mit einem überdurchschnittlich hohen Ausländerarfteil arrangieren müssen und sich einmal mehr als die gesellschaftlichen Verlierer sehen. Auch in den gutbürgerlichen Außenbezirken wächst die Empörung, weil angesichts des wachsenden Asylbewerberzustroms jetzt dort ebenfalls Flüchtlingsquartiere eingerichtet werden müssen.

Allein, im ersten Halbjahr 1992 beantragten über 7000 Menschen in Hamburg Asyl, rund 27 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Noch muß keiner von ihnen in Turnhallen, Zelten oder gar auf der Straße leben. Um solche Mißstände auch künftig zu vermeiden, werden derzeit in allen Bezirken der Stadt Containerdörfer errichtet. Tausend Asylbewerber müssen über die Wintermonate untergebracht werden.

Dieses Notprogramm aber stößt auf Widerstand: Besonders die Bewohner der Villenviertel am Stadtrand setzen sich gegen neue Zuweisungen zur Wehr – wie das „Schauspiel“ (Sozialsenator Ortwin Runde) in Ohlstedt zeigt, nicht ohne Erfolg. Das gepflegte Viertel im Norden der Stadt gehört zu Wandsbek, dem bevölkerungsreichsten und größten Bezirk Hamburgs. Und noch ein weiterer Superlativ trifft nach Angaben der Sozialbehörde auf den „Vorzeigebezirk“ Wandsbek zu: Es ist der Bezirk mit dem geringsten Ausländeranteil. Legt man das Kriterium der Sozialbehörde zugrunde, wonach sich der Ausländeranteil an der Bevölkerungsdichte orientieren soll, bleibt unter dem Strich ein Defizit von fast tausend Asylbewerbern, die Wandsbek „zusätzlich aufnehmen müßte, um einen angemessenen Beitrag zur Unterbringung der Asylbewerber in Hamburg zu leisten“, wie es in einer Mitteilung der Sozialbehörde heißt. Über diese ungleiche Verteilung empört sich auch Siegfried Bars, SPD-Fraktionsvorsitzender des Bezirks Mitte: „Es ist niederschmetternd, mit ansehen zu müssen, daß sich die Reichen und Intellektuellen gegen ein Mindestmaß an Zuweisung von Asylbewerbern sperren.“

Ausgleichen müssen diese Defizite jene Viertel, die längst als soziale Brennpunkte gelten. Zum Beispiel Veddel, ein ehemaliges Arbeiterviertel im Süden Hamburgs. Jeder zweite, der dort lebt, ist ein Ausländer. Das rechte Wählerpotential hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In Ohlstedt dagegen liegt der Ausländeranteil bei nur 2,4 Prozent. „Deshalb versteht keiner, wieso um die Ohlstedter Container so viel Aufhebens gemacht wird“, sagt Bars. Weil er um die aufgeheizte Stimmung in den Vierteln mit überdurchschnittlich hohem Ausländeranteil weiß, könne er nicht mehr ausschließen, daß es auch in Hamburg zu gewalttätigen Übergriffen auf Asylbewerberwohnheime kommen könne.

Tatsächlich ist nicht zu übersehen, daß Stadtteile, in denen die gehobene Mittel- und Oberschicht wohnt, bislang vom Asylbewerberzustrom gar nicht oder nur am Rande tangiert werden. Die selbst von der Sozialbehörde festgestellte „gröblich verletzte Verteilungsgerechtigkeit“ hat verschiedene Gründe: Zum einen verfügen die sozial Bessergestellten über Bildung, Artikulationsvermögen und finanzielle Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, juristische Schritte einzuleiten. Zum anderen wird die Ungleichheit schon durch das Verwaltungsverfahren hervorgerufen: Erste Anlaufstelle für ankommende Asylbewerber sind die ständig bis zum Bersten gefüllten Schiffscontainer auf der Elbe, die zum Bezirk Mitte zählen. Von dort werden die Menschen auf die anderen Viertel der Stadt verteilt, jedoch hat die verantwortliche Behörde, die Clearing-Stelle, keine rechtliche Verfügungsgewalt. Das heißt: Die Clearing-Stelle muß als Bittstellerin auftreten und ist auf das Wohlwollen und die Solidarität der anderen Hamburger Bezirke angewiesen. Deshalb nimmt es nicht wunder, daß im Innenstadtbereich jeder Quadratmeter genutzt werden muß, während in den Außenbezirken große, freie Flächen – oftmals freilich in Privatbesitz – brachliegen.