Von Gabriele Venzky

Erlebt Thailand jetzt seine politische Wende? Immerhin haben zum erstenmal die prodemokratischen Parteien bei den Wahlen am vergangenen Wochenende mehr Sitze im Parlament erobert als die mit dem bisher allmächtigen Militär eng verzahnten traditionellen Interessengruppen. Doch der Sieg der Engel über die Teufel, wie die beiden Lager seit den blutigen Massendemonstrationen gegen die Herrschaft der Generäle im Mai kurzerhand apostrophiert werden, fiel so knapp aus, daß auch die Zeitungen in Bangkok sich um die Bewertung des Ergebnisses streiten. Von einem "historischen Wendepunkt" sprechen die einen, von einem "kleinen Schritt vorwärts" die anderen. Nur die Börse reagierte optimistisch. Thailands Aktienkurse zogen nach der Wahl kräftig an.

Solchen Optimismus hat das südostasiatische Wirtschaftswunderland Nummer eins dringend nötig. Denn Thailand lebt vornehmlich von zwei Dingen: von ausländischen Investitionen und vom Tourismus. Im Mai hatten die Fernsehbilder der Welt jedoch eine schießwütige Soldateska gezeigt, die mit schockierender Brutalität die Herrschaft ihrer Vorgesetzten zu sichern trachtete. Nicht, daß das Ausland etwas gegen autoritäre Regime einzuwenden hätte; Ordnung soll schon herrschen. Nur Blut darf nicht fließen. Schon scheint Vietnam von diesem Imageverlust zu profitieren. Das von einer kommunistischen Altherrenriege regierte Nachbarland setzt inzwischen als letzter kleiner Tiger der Region zum großen Sprung an, Thailand dagegen beginnt zu lahmen.

Zwar hat das Land den blutigen Mai dieses Jahres wirtschaftlich besser verkraftet als zunächst befürchtet. Dieses Jahr wird wohl noch einmal ein stolzes Wirtschaftswachstum von über sieben Prozent eingefahren. Aber dabei wird es kaum bleiben, wenn sich nicht Entscheidendes im Staate ändert. Die Devise der Stunde lautet: vertrauensbildende Maßnahmen und Reformen.

Doch dieser Ausweg bleibt versperrt, solange machthungrige Militärs und von ihnen abhängige korrupte Politiker das Land regieren. Die in den Wirtschaftswunderjahren groß und selbstbewußt gewordene städtische Mittelschicht fordert deshalb zwei für thailändische Verhältnisse unerhörte Neuerungen: Demokratie und Moral.

Ob freilich Chuan Leekpai, als Chef der Demokratischen Partei der Überraschungssieger der Parlamentswahlen, die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen kann, ist fraglich. Gegenüber den Wahlen vom 22. März dieses Jahres konnte seine Partei ihre Sitze im Parlament zwar fast verdoppeln und damit zur stärksten Fraktion heranwachsen. Aber 79 von 360 Abgeordneten brauchen noch viele verläßliche Koalitionäre, wollen sie eine gesicherte Regierungsmehrheit zusammenbringen.

Und das wird so leicht nicht sein. Wohl hat die gegen die Vorherrschaft des Militärs zustande gekommene Allianz der "Engel-Parteien" eine knappe Mehrheit erhalten. Aber schon schmollen die beiden wichtigsten Partner. Chamlong Srimuang, der hochangesehene, jedoch wegen seiner starrsinnigen Moralität vielen Thailändern suspekte Ex-Bürgermeister von Bangkok war zwar die treibende Kraft hinter den Mai-Protesten, konnte aber sein Wahlresultat kaum verbessern. Chavalit Yongchaiyudh, der ehrgeizige Ex-Armeechef, dessen neue Hoffnungspartei trotz massiven Geldeinsatzes viele Stimmen einbüßte, muß nun wohl endgültig seine Hoffnungen begraben, einmal Premierminister zu werden.