Von Anja Wandelt

Die Holzkugel fliegt in hohem Bogen, federt kurz auf dem moosigen Boden und bleibt liegen. Alle Achtung, dieser Kricketschlag, galt es doch ein buchstäblich monumentales Hindernis zu überspielen: einen Grabstein. In regelmäßigem Rhythmus saust der Federball hin und her. Die jungen Matchpartner halten das Geschoß gekonnt in der Luft. Zack, da ist ein Kreuz im Weg und der Ball im Aus – gelandet mitten auf einem Epitaph.

Ungewöhnliche Szenen von einem Friedhof: Fröhlichkeit statt weihrauchgeschwängerter Melancholie. Spielende Kinder und schwatzende Mütter, keuchende Jogger und ehrgeizige Freizeitkicker machen aus dem Gottesacker, gelegen im Münchner Stadtteil Schwabing zwischen Arcis-, Adalbert- und Tengstraße, einen Volkspark.

Wer zufällig das Terrain hinter den ziegelsteinroten Mauern betritt, staunt nicht schlecht über dieses Treiben. Manch einer empört sich vielleicht, vermutet Pietätlosigkeit, Verletzung der Totenruhe. Doch Begraben wird hier seit mehr als einem halben Jahrhundert niemand mehr.

Der Knirps im verschwitzten knallroten FC-Bayern-Trikot zuckt denn auch nur die schmächtigen Schultern auf die Frage nach seinem ungewöhnlichen Spielfeld. Den Friedhof hier findet er klasse. Nachts, räumt er aber dann doch zweifelnden Blickes ein, möchte er nicht unbedingt hier sein, „wegen der Gräber, das ist gruselig“. Doch dieser Gedanke bedrückt ihn lediglich den Bruchteil einer Sekunde. Das Spiel ruft, und mit gellendem Kampfschrei stürzt er wieder in die Welt der zweifelsohne Lebenden.

Sicher ist jeder Friedhof von jeher auch Stätte der Begegnung. Viele, meist ältere Menschen suchen gern diese stillen Plätze auf. Denn oft sind sie die einzigen mühelos erreichbaren Grünzonen in den Städten. Und so sitzen die alten Damen – kaum alte Herren – auch auf dem Schwabinger Friedhof zu zweit oder allein auf den Bänken unter den Eichen und Linden.

Ein Pantheon der Prominenz bietet der Alte Nördliche Friedhof nicht, aber er gibt ein paar interessante Stückchen Münchner Stadtgeschichte wieder. Letzte Ruhe nach einem grausigen Ende fanden zum Beispiel Karolina Franziska Roos und ihre Tochter Julie. Gemeinsamer Todestag: 14. Februar 1896. Sie waren Opfer eines schlagzeilenträchtigen Raubmordes geworden. Der mutmaßliche Täter, der die beiden Frauen und ihre Köchin erdrosselte, ging in die Geschichte als „schnurrbärtiges Münchner Schwammerlweib“ ein. Er wurde von Zeugen als derjenige identifiziert, der im Perlacher Forst mehrfach als Frau verkleidet beim „Schwammerln“(Pilze)-Suchen gesehen worden war. Der so Entlarvte leugnete seine Tat bis zur Hinrichtung.