Von Karl-Heinz Büschemann

Haben wir richtig gehört? Ist es wirklich Heinrich von Pierer, der künftige Siemens-Chef, der sich jetzt mit drohenden Worten in die Debatte um die Kernenergie einmischt? Das Plutonium sei ein Riesenproblem, meint ausgerechnet der Atommanager. Von Pierer hat sich bei Siemens in der Kernenergie-Sparte einen Namen gemacht. Der supergiftige Stoff, der in Kernkraftwerken entsteht, könne in falsche Hände geraten, warnt der Industriemann. Terroristen könnten es in die Hand bekommen und Regierungen erpressen. Ganz im Ton von Atomgegnern fordert der Siemens-Mann: „Dieses Plutonium muß dringend weg.“

Das klingt plausibel. Plutonium gehört zum Übelsten, was der Mensch geschaffen hat. Das Element ist so giftig, daß schon allerkleinste Mengen in der Atemluft tödlich sind. Zudem ist das Schwermetall erschreckend haltbar. Das technisch wichtigste Plutonium-Isotop hat die unvorstellbare Halbwertzeit von 24 000 Jahren. Von diesem Supergift, das bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe als Abfallprodukt übrigbleibt, wird es allein aus deutschen Atommeilern am Ende dieses Jahrhunderts 25 bis 30 Tonnen geben. Und in Europa und Japan entstehen bis zum Jahr 2000 etwa 125 Tonnen dieses Horror-Abfalls.

Das war so sicher nicht bedacht, als die Euphorie über billigen Strom die Atomfabriken sprießen ließ. Rund um den Globus wurden massenweise Kernkraftwerke gebaut. In keinem Land der Erde ist aber bis heute die Frage beantwortet, wie die strahlenden abgebrannten Brennelemente so endgelagert werden können, daß sie künftige Generationen nicht gefährden. Die meisten Länder – etwa die Vereinigten Staaten – haben in der Hoffnung auf eine spätere, möglicherweise vom Himmel fallende, Lösung die Atomabfälle erst einmal provisorisch in Zwischenlagern geparkt. Die Europäer wollten schlauer sein. Sie setzten auf die sogenannte Wiederaufarbeitung der Uranbrennstäbe. Die verringert zwar den Atommüll, schafft aber reines Plutonium. Will man das erst einmal loswerden, muß es nach der Wiederaufarbeitung in Fabriken wie Hanau zu neuen Brennelementen wieder verarbeitet werden.

Heinrich von Pierer hat einen Schuldigen ausgemacht, dem er die Verantwortung dafür zuschiebt, daß hierzulande die Menge dieses gefährlichen Materials stetig wächst: Joschka Fischer, den grünen Umweltminister in Hessen. Der Atomgegner hat nach mehreren technischen Pannen, durch die Arbeiter mit Plutonium in Berührung kamen, Mitte des vergangenen Jahres die Siemens-Nuklearfabrik im hessischen Hanau geschlossen, die Plutonium aus der Wiederaufarbeitung erneut in Brennelemente hineinmischt. Der Konzern ist darüber maßlos wütend. Und das nicht nur, weil seine Fabrik nicht arbeiten kann, was zu hohen Verlusten führt. In den Augen von Pierers wäre das Plutonium-problem gelöst, wenn das Material verarbeitet werden könnte. Dann sei es vor unbefugtem Zugriff und Mißbrauch geschützt. Eingeschlossen in die stark radioaktiven strahlenden Brennelemente käme man an das gefährliche Schwermetall nur mit großem technischem Aufwand heran. Irgendwann könnten die Brennelemente dann mitsamt dem Plutonium einfach ins Endlager wandern. Das sei technisch machbar. Reines Plutonium, das wegen seiner Beschaffenheit ohne großen Aufwand sogar in einer Aktentasche gestohlen werden könne, stelle hingegen eine ständige Gefahrenquelle für Mensch und Umwelt dar.

Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Selbst wenn Hanau problemlos arbeiten könnte, nähme die bedrohliche Plutoniummenge zu, weil es in Europa gar nicht genügend Fabriken gibt, um alles anfallende Schwermetall verarbeiten zu können. Fischer hat zudem das Hanauer Werk nicht ohne Begründung stillgelegt. Bis heute hat es schließlich auch der Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) nicht gewagt, ihn zur Wiederinbetriebnahme von Hanau zu zwingen.

Allesamt stecken in einem Dilemma. Pierer fürchtet um die Sicherheit der Menschen, weil hochgiftiges Plutonium tonnenweise herumsteht und seine Menge täglich zunimmt. Fischer sah sich aus Gründen der Sicherheit gezwungen, genau jene Fabrik stillzulegen, die das Problem lindern soll. Sorgt der Umweltminister dafür, daß in Deutschland kein Plutonium mehr verarbeitet wird, so müßte er gleichzeitig erklären, wo er das Supergift für die nächsten Millionen Jahre sicher lagern will. Das kann er jedoch nicht. Muß aber ausgerechnet der erklärte Atomgegner die Fabrik eines Tages wieder anlaufen lassen, so stellt sich das Problem der Sicherheit für die Mitarbeiter und für die dichtbesiedelte Umgebung Hanaus. Schließlich konnte der erfahrene Atomkonzern Siemens bisher nicht davon überzeugen, daß er den Umgang mit gefährlichem radioaktivem Material sicher beherrscht. Unternehmen des Konzerns gingen wiederholt mit nuklearem Material so nachlässig um, daß sogar der bayerische Umweltpolitiker und Atomfreund Peter Gauweiler (CSU) empört zum Vokabular seines politischen Widersachers Fischer griff und dem Münchner Konzern „große Schlamperei“ vorwarf.

Die Vorstellung, in Sachen Hanau könne es eine richtige oder falsche Entscheidung geben, ist eine Illusion. Dieser Fall macht mehr als anschaulich, wie sehr sich die Probleme um die Atomenergie mittlerweile verselbständigt haben. Die Technologie schafft – einer Kettenreaktion gleich – einen Sachzwang nach dem anderen und überfordert Politik und Wirtschaft. Sie zwingt zu Entscheidungen, die immer neue Probleme aufwerfen. Das einzige, was Politiker und Manager nun noch Hand in Hand zustande bringen, ist das trostlose Produzieren von Scheinlösungen.