Von Heinz-Günter Kemmer

Der Ruf ging durch, aber der Teilnehmer meldete sich nicht. Karlheinz Lücke, Richter am Amtsgericht in Dortmund und dort für das Handelsregister zuständig, war auf Tauchstation gegangen. Am Montag dieser Woche brauchte er Ruhe, um einen möglicherweise folgenschweren Beschluß zu begründen. Lücke weigert sich nämlich vorerst, die am 27. Juli beschlossene Fusion der Dortmunder Hoesch AG mit der Essener Friedr. Krupp AG in das Handelsregister einzutragen.

Weil der Fusionsbeschluß erst mit der Eintragung in die Handelsregister an beiden Firmensitzen wirksam wird, gerät der Zeitplan von Krupp-Chef Gerhard Cromme gehörig durcheinander. Er wollte nicht nur die neue Führungsspitze der sechs Konzernbereiche installieren, er muß auch nicht betriebsnotwendige Vermögensteile aus beiden Unternehmen verkaufen, um den bedrohlich gestiegenen Schuldenberg abzubauen. Krupp hat einen Teil seiner Hoesch-Beteiligung von knapp 62 Prozent über Kredite finanziert.

Lücke hat natürlich gewußt, daß seine einsame Entscheidung weitreichende Folgen haben kann, aber die Argumente, die der Dortmunder Rechtsanwalt Rüdiger Bönig im Auftrag seiner Mandanten Henry-August-Robert Nold aus Darmstadt und Hanns-Gerhard Haas aus Dortmund vorgetragen hat, lassen es ihm wohl geraten erscheinen, das Ergebnis der beim Landgericht Dortmund anhängigen Anfechtungsklagen abzuwarten.

Der erste Verhandlungstermin ist auf den 18. Dezember festgesetzt. Aber schon diesen Dienstag kündigten Krupp und Hoesch in einer gemeinsamen Presseerklärung an, die Hoesch AG werde gegen die Entscheidung von Richter Lücke Beschwerde beim Landgericht Dortmund einlegen.

Je länger die Fusion hinausgezögert wird, desto später kann die Ernte aus der Zusammenarbeit eingefahren werden. Da liegt es nahe, die Kläger zur Zurücknahme ihrer Klagen zu bewegen. Das Überzeugungsmittel könnte Geld sein. Der Darmstädter Kohlenhändler Erich Nold, der seinen Sohn die Klage erheben ließ, würde wohl nicht einmal ein Unrechtsempfinden haben, wenn ihm jemand einen ordentlichen Batzen dafür zahlte, daß er seine Anfechtungsklage fallenläßt. Was den Dortmunder Versicherungskaufmann Haas zu der Klage getrieben hat, ist für den Außenstehenden nicht erkennbar, aber der Versuch, Haas die Klage „abzukaufen“, bietet sich allemal an. Bei Krupp weist man solche Überlegungen zwar empört zurück, doch angesichts des drohenden Millionenschadens wäre ein solches Vorgehen weder illegal noch ungewöhnlich.

Die Zähne ausbeißen könnte sich Cromme allerdings an dem dritten Kläger, dem ehemaligen Hoesch-Generalbevollmächtigten Hans Klüting. Denn der nennt sich selbst einen „Überzeugungstäter“ und gibt offen zu, daß er mit der Klage die Aufnahme seiner alten Firma Hoesch in den gemeinsamen Firmennamen erzwingen will. Das verweigert Berthold Beitz, der Vorsitzende der den Krupp-Konzern beherrschenden Krupp-Stiftung, bisher unter Hinweis auf die der Öffentlichkeit nicht bekannte Stiftungssatzung.