Von Fabian Patel

Kapstadt

Es sollte ein schönes Jubiläum werden, ein Fest der Versöhnung und Hoffnung. Doch zum Feiern war niemandem zumute. Statt Champagner floß Blut. Südafrikas Zukunft ist nach dem jüngsten Massaker im Homeland Ciskei ungewisser denn je. Am Montag vor genau einem Jahr hatten die Unterzeichner des Nationalen Friedensabkommens ein überwältigendes Zeichen der Zuversicht gesetzt. Nach monatelanger diplomatischer Überzeugungsarbeit war es gelungen, die 29 wichtigsten politischen Parteien und Organisationen an einen Tisch zu bringen. Gemeinsam wollten sie dem politisch motivierten Morden Einhalt gebieten. Zusammen ersann man Spielregeln für die demokratische Umgestaltung des Landes, Doch der hoffnungsvolle Prolog für ein neues Südafrika droht im Sog der Gewalt unterzugehen.

In einem Massaker von kaum vorstellbarer Brutalität starben im Juni 42 Menschen in der Schwarzensiedlung Boipatong, nachdem die Zulu sprechenden Bewohner eines nahe gelegenen Wohnheims mit Speeren und Äxten auf die wehrlosen Familien losgegangen waren. Die Mörder waren Anhänger von Mangosuthu Buthelezis Inkatha-Freiheitspartei. Im Juli schockierte der führende Pathologe des Landes die Öffentlichkeit mit Berichten, wonach Menschen in Polizeigewahrsam gefoltert und zu Tode geprügelt werden. Im August stürmten schwerbewaffnete Männer ein Haus in Ensangwini in der Provinz Natal und töteten zwölf Mitglieder der Inkatha-Partei. Der Anschlag war vermutlich vom militärischen Arm des Afrikanischen Nationalkongreß (ANC) verübt worden.

Und vor einer Woche erschossen die Schergen eines von der Regierung unterstützten Militärdiktators 29 ANC-Anhänger und verwundeten mehr als 200, als jene versuchten, nach Bisho, dem Regierungssitz der Ciskei, zu marschieren, um dort den Diktator zu stürzen. Die Zahlen lassen die menschlichen Tragödien nur erahnen, die sich allwöchentlich fernab der weißen Wohngebiete ereignen. Sie zeigen jedoch, wie schwierig und langwierig es sein wird, auf den Ruinen eines korrupten und brutalen Apartheidstaates eine nichtrassistische Demokratie zu bauen. Und sie belegen, daß alle Parteien mitschuldig sind am Leid und Elend der Menschen. Wenn es denn je eine Zeit gab, als man bloß auf die Hautfarbe blicken mußte, um die Unterdrücker von den Unterdrückten zu unterscheiden – jetzt ist sie gewiß vorbei. Keine Partei besitzt heute noch die moralische Autorität, um mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen.

Das jüngste Massaker in Bisho ist ein Beispiel dafür. Der vor zwei Jahren mit einem Militärputsch an die Macht gekommene Brigadier Oupa Joshua Gqozo ist Herr über ein von der Regierung in Pretoria 1981 für unabhängig erklärtes Gebiet im Süden der Kaprepublik, dessen völkerrechtliche Souveränität von keinem anderen Staat der Welt anerkannt wird. Achtzig Prozent des „Staatshaushaltes“ der Ciskei stammen aus Pretoria. Fast alle Schlüsselpositionen in Militär und Verwaltung sind von Südafrikanern besetzt. Wer über so großen wirtschaftlichen wie politischen Einfluß verfügt, kann sich nicht freisprechen von der Verantwortung für das Massaker.

Das Blut der Toten klebt nicht nur an den Fingern der Soldaten, die auf Befehl eines Despoten den Abzug ihrer Maschinengewehre betätigen. Es klebt auch an der Regierung von Präsident de Klerk, die sich hinter dem Schild der vermeintlichen Souveränität zurückzieht und so tut, als ginge sie der eskalierende Konflikt zwischen dem ANC und den Homeland-Führern nur am Rande an. Erst nach internationalem Druck war die Regierung Anfang der Woche bereit, Maßnahmen einzuleiten, um der Schreckensherrschaft Gqozos ein Ende zu bereiten.