NÜRNBERG. – Einmal im Jahr läuft die CSU zu großer Form auf, das ist am Aschermittwoch. Bei Blasmusik und Schweinshax’n, Tischen voller Maßkrüge, dampfiger Luft und kernigen Sprüchen über den (abwesenden) politischen Gegner findet die Partei so recht zu sich selbst. Nicht, daß sich all die anderen Parteien nur bei Fruchtsaft und Mineralwasser treffen würden, aber bei der Union ist die Symbiose von Arbeit und Promille am weitesten entwickelt.

In Nürnberg wurden kürzlich heftige Vorwürfe gegen die Stadtratsfraktion der CSU und ihre Führung sogar aus den eigenen Reihen laut. Die Stadträtin Margret Montfort-Schopen, Sozialexpertin und als ehemalige Suchtberaterin mit einer besonderen Sensibilität auch in puncto Alkohol ausgestattet, haute auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. „In der CSU gibt es eine ausgeprägte Neigung, Arbeit und Alkohol zu verknüpfen“, schimpfte sie, „oft werden schon zu Beginn der Arbeitstreffen ab 16 oder 17 Uhr die Weinflaschen geöffnet.“

Allein die Tatsache, daß bei 26 Stadträten 26 Geburtstage im Jahr anfallen und alle feucht-fröhlich begangen werden wollen, führe zu einer nicht enden wollenden Kontinuität des Feierns. Praktischerweise würden die „berühmten Runden“ dann gleich in den Fraktionsräumen geschmissen, und daß dabei kein Pfefferminztee serviert werde, sei auch klar. Aber auch in den Sitzungspausen des Stadtrats hat die couragierte CSU-Frau schon den einen oder anderen Kollegen beobachtet; „wie er zu seinem Spind schleicht und einen Schluck aus der Whiskey-Pulle nimmt“. Zwar gehe die Trinkfreudigkeit nicht so weit, daß einer „betrunken auf oder unter dem Tisch liegt“, aber unter einem gedeihlichen Arbeitsklima stellt sich Frau Montfort-Schopen eben doch etwas anderes vor. Zum Beispiel auch, daß Sitzungsunterlagen nicht in „jungfräulichem Zustand“ zu den Fraktionstreffen mitgebracht werden, während gleichzeitig die erste Flasche entkorkt wird.

Die Schuldigen an diesem „Schlendrian“ hat Margret Montfort-Schopen schnell ausgemacht: die Fraktionsspitze, im besonderen aber den stellvertretenden Vorsitzenden. Der sei nur auf diesen Posten gehievt worden, so die Parteikritikerin, um ihm eine bessere Ausgangsposition für die nächste Bundestagswahl zu verschaffen. Natürlich sei er in Parteikreisen beliebt – „aber bloß, weil er ein Kumpel ist, der ab und zu Biermarken verteilt“. Was dagegen seine politische Arbeit angehe, so könne man ihn „total vergessen“.

Harsche Worte, die sich die CSU-Frau vielleicht noch verkniffen hätte, wären nicht bei der außerordentlichen Fraktionssitzung, auf der die Marschroute für die Debatte über das städtische Sparpaket festgelegt werden sollte, zehn Stadträte und der Fraktionschef überhaupt nicht aufgetaucht. Da war für Frau Montfort-Schopen das Maß voll. Sie ging mit ihrer Kritik, die sie zuvor mehrmals intern geäußert hatte, an die Öffentlichkeit.

Die CSU, offenbar völlig überrascht, daß da jemand ausgeplaudert hat, worüber sonst nur kumpelhaft-amüsiert getuschelt wurde, zeigte sich geschockt. Und versuchte, das Problem in bewährter Manier zu „lösen“: In einem Brief wurde die Kritikerin aufgefordert, ihre „ehrverletzenden Äußerungen“ zurückzunehmen; andernfalls würde sie von der Fraktionsarbeit ausgeschlossen, und die Ausschüsse würden anderweitig besetzt. Aufschlußreich ist dabei, daß ihre Vorwürfe nur im Stil („mit nicht zu überbietender Arroganz Zensuren verteilt“), nicht aber in der Sache zurückgewiesen wurden. Der Vorsitzende der Jungen Union hatte daher auch davor gewarnt, „jemanden aus der Partei auszuschließen, der die Wahrheit sagt“.

Es mag durchaus sein, daß sich bei den Christsozialen, die in Nürnberg seit Kriegsende auf die harten Oppositionsbänke verbannt sind, eine Riege von Frust-Trinkern herausgebildet hat. Tatsache ist jedenfalls, daß die Oppositionsarbeit mehr von dem Nürnberger Staatssekretär Günther Beckstein im bayerischen Innenministerium kommt als aus den Reihen der Nürnberger CSU. Wenn sich Frau Montfort-Schopen also um das Erscheinungsbild ihrer Partei sorgt, ist das nicht aus der Luft gegriffen.