Von Rolf Michaelis

Großer, rührender Augenblick. Manfred Karge, Regisseur der Uraufführung von Elfriede Jelineks undramatischem Drama "Totenauberg", stürmt von der Bühne und zerrt die Dichterin über die steile Auftrittsrampe am linken Bühnenrand auf die Szene des Akademietheaters in Wien. Überreicht ihr eine Rose. Zuschauer und Schauspieler applaudieren. Noch bleicher als sonst tritt die Autorin in einem langen, trapezartigen, schwarzen Kaftan von einem Bein aufs andere, versucht, die Blume der Hauptdarstellerin zu überreichen, und wird dann von Frauen und Männern auf der Bühne umarmt und eingereiht in das Ensemble von 24 Akteuren, von denen in vier großen Szenen allerdings nur vier (drei Frauen, ein Mann) wirklich etwas zu sagen haben, das aber in seitenlangen Monologen.

Das Publikum im kleinen Haus des Burgtheaters erhebt sich: Wien feiert, endlich, die Heimkehr einer der bedeutendsten Dichterinnen des Landes. Wo, wenn nicht hier, hätte Elfriede Jelineks Drama "Burgtheater" (1985) zuerst gespielt werden müssen, das einen kritischen Blick auf die Nazi-Vergangenheit auch der Mimen an der "Burg" wirft? So kam Bonn zu Uraufführungs-Ehren wie schon 1982 mit dem Stück über die Komponistin und Ehefrau Clara Schumann, "Clara S.", und wie 1987 mit "Krankheit oder Moderne Frauen". Jetzt also die Uraufführung dort, wo die Autorin sie wünscht: ",Totenauberg‘ muß in Wien aufgeführt werden. Weil schon die Metaphorik des Skifahrens und die Ideologie des Wintersports, die den Hintergrund des Stückes bildet, nirgendwo anders so verstanden wird ... Was diese klerikal-alpine Verlogenheit an gesellschaftlichem Sprengstoff hat in Österreich, das könnte man anderswo kaum nach vollziehen."

Wort-Drama: Heimat und Fremde

Sprengstoff? Manfred Karge ist nicht nur als Regisseur, sondern auch als Sprengmeister tätig geworden. Er hat Elfriede Jelineks Bühnen-Bombe gründlich entschärft. Die Sprengkraft, die das Stück gerade in seiner scheinbar ganz untheatralischen, monologisierenden Sprach-Gestalt entfalten könnte, wird harmlos, wenn sie verteilt ist auf Platzpatronen-Portiönchen, wie Karge sie in seiner grotesken Revue unterbringt. Statt einer grandiosen Wort-Symphonie von Brucknerschen Ausmaßen, Längen, Ballungen: ein nettes Ballett vom Regisseur erfundener "eleganter Frauen" in schwarzen Abendkleidern und sechs nicht ganz so "eleganter Männer" im Smoking (Kostüme: Heidi Brambach; Choreographie: Dietmar Seyffert). Das reckt sich, windet sich, kippelt auf Stühlen, tänzelt mit Spiel- und Standbein – und lenkt doch nur von dem "alten Mann" ab, der hier doziert, zumal wenn auch noch eine "Tänzerin" (Ursula Szameit) auf Spitzenschuhen herumstaksen und das Tutu wippen lassen darf.

Ein Stück großer Sprach-Musik, mal rauschhaft, mal klirrend, immer trotzig böse, wird verraten an eine Zirkus-Choreographie. Weshalb muß ein Page dem "alten Mann" das Rotweinglas auf dem roten Käppi servieren?

Wenn der Alte vom Berge die Gesellschaft verflucht ("Sie lassen sich gnädig herab zum Land. Sprechen unaufhörlich. Jedem sein Herrgottswinkel, wo sie sich schunkelnd und grölend im Volk einmischen") und zum Schluß kommt: "Das Gemeinsame ist der Schrecken", kuscheln sich die Smoking-Männer hilfeheischend an die Brüste ihrer Tanz-Muttis. Und wenn der Naturphilosoph, den die Autorin auch mal gegen die Grünen wettern läßt ("Die lassen die Natur nicht zu sich selbst kommen, sie wecken sie auf. Es trompetet aus ihnen ... Das Loch in der Stratosphäre, für sie ist es wirklicher als alles, was sie sehen") und resigniert feststellt: "Entsetzlich, aber machbar!", muß er, der auf einem Stuhl steht, entsetzlich, aber machbar, den Fuß auf die Lehne stellen und mit dem Möbelstück fallen – natürlich auf die Füße, in einer varietéreifen Einlage.