Die gedanklichen, die sprachlichen Energien, die den Text beim Lesen lebendig machen, werden für das Spiel nicht genutzt. Die Positionen: alter Mann – junge Frau, Heimat – Exil, bodenständig – fremd bleiben ganz unbestimmt auf der von Dieter Klaß gebauten Bühne. Bis zur sechsten Reihe schiebt sich die leicht ansteigende Szenerie aus grauen Brettern vor. Rechts stehen vier hohe Türen offen. Hoch unterm Dach zwei winzige Fensterluken, dort haust im Austrags-Stüberl der "alte Bauer" mit Rauschebart (Gerhard Naujoks). Im Hintergrund drei schmale, hohe Fenster, die einen Blick auf die Felswände eines Gebirgsmassivs erlauben. Die Halle eines "Luxushotels" erinnert mit grauem Anstrich und dreckigem Weiß an den Klassenraum einer Schule vor dem Krieg oder an einen heruntergekommenen Hörsaal.

Große Sprachmusik

Und schon tritt er auf, der alte Weisheitslehrer und Fragemeister, bei dem die Autorin an den alemannischen Wandersmann aus dem Schwarzwald, Martin Heidegger, gedacht hat, der in einer kargen Berghütte in Todtnauberg über "Sein und Zeit" gegrübelt hat. Die Regie tut gut daran, auf das "Gestell" zu verzichten, in den die Autorin, eines der Haupt-Worte des Existenzphilosophen ganz wörtlich nehmend, "geschnallt" sieht. Auch wenn die Stil-Parodie gelungen ist – der Zuschauer muß nicht wissen, daß der Denker gemeint ist, dessen Raunen von "Heimat", "Scholle", "Boden" ihn anfällig gemacht hat für das Gefasel eines Volks-"Führers" von Blut und Boden.

Auch die junge Frau im modischen Reisekostüm der dreißiger Jahre, die uns jetzt auf der Filmleinwand mit einem Koffer auf einem Waldweg im Gebirge entgegenschreitet und dann plötzlich leibhaftig auf der Bühne steht, hat ihr Vorbild in der Wirklichkeit: Heideggers Schülerin und kurze Zeit auch Geliebte, die zur Emigration gezwungene Philosophin und politische Publizistin Hannah Arendt. Aber das muß man nicht wissen, um das Stück verstehen zu können.

Cornelia Lippert spielt, mit sanft ironischem Lächeln und freundlichem Spott, eine selbstbewußte junge Frau, der die Trauer über verschmähte Liebe immer wieder die Stimme dunkel macht. Wenn sie hinter den alten Lehrer/Geliebten tritt und ihm die Hände auf die Schultern legt, ist das angedeutete Umarmung so gut wie mütterliche Geste des Beschützens, die aber sogleich umschlägt in herablassendes Schulterklopfen – und in ein Wegstoßen des Mannes, der sie verraten hat.

Martin Schwab tritt als alter Wander-Denker und Büchergelehrter mit Tintenfaß und Federhalter auf und beginnt – schöner Einfall – seine Erleuchtungen einfach auf den Boden zu kritzeln. Mit dem ersten Satz erweckt Schwab die Gestalt des Welt-Grüblers, dem das Ausschreiten auf Feldwegen, Rucksack aufgeschnallt, Knotenstock in der Hand, so lebens- und denk-notwendig war wie das sinnende Staunen über die oft in einen einzigen Satz gebannten Erkenntnis-Rätsel der Vor-Sokratiker. Mit dem vorsichtigen Schritt alter Männer, die, einen Sturz fürchtend, die Knie nicht mehr durchdrücken, um sanfter zu fallen, tapert Schwab auf die Bühne und verweilt einen langen Augenblick bei seinem ersten Satz: "Die Natur ruht." Wie Schwab die Silben spricht und ihrem Klang nachlauscht, wird hörbar, spürbar, was er da wie ein Glaubensbekenntnis formuliert: Ruhe. ".. .tuuur ruuut": Es ist nicht nur der dunkelste Laut, den unsere Sprache kennt, der hier Ruhe ausstrahlt, sondern vor allem das In-sich-Zurückschwingen der Konsonanten: vom t- über ein langes -u- zum -r, und in der gegenläufigen Lautbewegung zurück, jetzt vom – über viel -uzum -t.

Die ehemalige Kompositionsstudentin, die ihre Texte nach musikalischen Regeln gliedert, baut die scheinbar uferlosen Monologe wie Gedichte. Kein Kalauer wird verschmäht, wenn er, wie im Feuer des Blitzes, eine neue Einsicht schenken kann. Dann ist von "toten Unterhosen" die Rede, findet die Musikgruppe der Einstürzenden Neubauten ihr Echo in den "im Nebel aufstrebenden Neubauten Europas".