Den Blick seltsam leer, als ob er zugleich nach innen und ins Weite schaute, raunt Schwab seine oft banalen Sätze, um die er das Licht tiefen Dunkels zaubert. Die schiere Verwandlung des Schwarzwaldnestes Todtnauberg in Totenauberg verrät die Silben-, die Buchstaben-Meisterschaft der Dichterin Jelinek. Am Ende eines längeren Abschnitts, der auf den Doppellaut "au" gestimmt ist, verkündet der alte Naturphilosoph: "Wir passen jetzt besser auf uns auf. Wir Auschützer. Wir Au-Schützen!" Fast nichts, ein -r-, ersetzt durch ein -n-. Aber was läßt Schwab uns alles erleben. Die Au, die Feldau, die da eben noch beschützt wurde, wird im nächsten Atemzug zum Schmerz-Schrei "Au!" – und der Schützer zum Schützen, zum Totschießer, dem sich die Toten zum Berg stapeln. So kann die Autorin, ohne Betroffenheitsgeschwafel, die Leichenhaufen von Auschwitz und anderen Todeslagern in unsere Erinnerung holen, wo 51 Menschen allein aus ihrer Familie umgebracht worden sind.

Mensch des Jahrhunderts: Emigrant

Obwohl Martin Schwab Meinungen äußern muß, die Elfriede Jelinek kritisiert oder ironisiert, stellt er sich nie neben die Figur, sondern läßt dem Wanderer in der Waldeinsamkeit seine Würde. Noch auf schlimme Weise komische Sätze spricht Schwab mit dem Altersstarrsinn des Mitläufers, der von nichts etwas gewußt haben will und die Möglichkeit moralischer Schuld nie erwägt: "Was kommt, ist noch nicht da. Nichts war. Ich habe nichts gehört. Ich erinnere mich nicht, aber ich stelle dem Kommenden vorsorglich die Hausschuhe vor die Tür."

Therese Affolter hat als "junge Mutter" Szenen wilder Komik, wenn sie ihr Puppenkind hätschelt und als "Rohköstlerin des Lebens" ihre Wickelkommoden-Philosophie von lebensunwertem Leben los wird: "Ich bin still, und ich stille. Ich bin meines Kindes Sennerin."

Aus den "toten Bergsteigern (zum Teil schon verwest)" der Buchfassung sind unter der Wolke von Fremdenhaß, Ausländerfeindlichkeit und Asylantenhatz "tote Osttouristen" geworden, an deren Gebein sich ein Bergbauernpaar auf dem Einödhof gütlich tut. Lore Brunner und Karl Fischer sind so lieb brutal, daß sie einer Karikatur von Manfred Deix entlaufen sein könnten.

Das letzte Wort soll ein Toter haben. Einer der auf der Suche nach einer Bleibe erfrorenen "Touristen", für die wir alle jetzt den richtigen Namen – Asylsucher – lernen müssen, klagt in diesem Requiem, in dem Elfriede Jelinek auch die Toten zum Reden bringt: "Wir sind der Mensch des Jahrhunderts, der Emigrant."