ZDF, Sonntag, 27. September, 23.00 Uhr: „West-Östliches Tanztheater“ – Von neuen und „alten“ Choreographen in neuen und alten Bundesländern

Wie sich die Nöte zuweilen gleichen, wie sie sich glichen, nach dem Krieg in Ost und West. Hochbegabte Tänzer und Choreographen versuchen überall, einen neuen Stil zu entwickeln und dabei nicht in Widerspruch zum Zeitgeist zu geraten. Hat unsere Zeit überhaupt einen „Zeitgeist“? In der Tanzkunst des Ostens sehen wir zum Beispiel keine Moskau-Hörigkeit. In Leipzig sind Arila Siegerts „Medea-Landschaften“ oder „Die Schöpfung“ (Haydn) von Uwe Scholz Tanztheater-Darbietungen, die vom System der fünf Schritte erheblich abweichen. Bei den Bewegungen der Gruppen wird man an Bewegungschöre Rudolf von Labans erinnert.

Eine andere Hörigkeit war im Osten gefährlicher, die politische. Von ihr wird in einem gescheiten Disput zweier Tanzkritiker berichtet, dem westlichen Norbert Servos und dem östlichen Dietmar Fritzsche. Sie sprechen Tacheles im Ostberliner Szenelokal „Tacheles“. Realistische Themen und Motive brauchten nicht immer in der plumpen Art der Politik vorgetragen zu werden. Es gab auch Bemühungen um stilisierte Kunstmittel, die das Propagandistische bis zur Erträglichkeit dämpften oder kaschierten.

Was bedeuten im Osten wie im Westen noch Ausdruckstanz, was klassisches Ballett bei Solotänzern, Gruppen, auf Podien und in Theatern? Man sucht nach einem neuen Stil oder nach Kombinationen traditioneller Elemente. In Dresden-Hellerau wirkt immer noch Gret Palucca, einst eine der allergrößten deutschen Ausdruckstänzerinnen, neben Mary Wigman, Harald Kreutzberg, Dore Hoyer und anderen. In späten Jahren hat sie wohl Konzessionen an das Ballett gemacht. Aber sie hat ihre schöpferische, magische Kraft bewahrt. Ihre Schüler fallen nicht selten durch Ausbildung und schöpferischen Impetus auf, so zum Beispiel Stephan Thoß. Der Pfälzer Johannes Bönig, der aus Holland kam und in Dresden bei der Semper-Oper Ballettdirektor ist, gibt plausibles Anschauungsmaterial für seine Umorientierung mit den Choreographien von „Erinnerung an einen Freund“ und „Pourquoi pas?“ In Dresden, meint er, gingen die Probleme der Gesellschaft tiefer als in Amsterdam ...

In Saarbrücken sagt der Intendant Kurt Josef Schildknecht das erlösende Wort: „Osten oder nicht Osten ist mir hier egal, es geht um Qualität.“ Schildknecht hat die vortreffliche Choreographin und Tänzerin Birgit Scherzer engagiert. Man sieht in dem ZDF-Film (Buch und Regie: Ulrike Burgwinkel) zwei Choreographien von Birgit Scherzer: das dreiteilige Tanztheater „Männer – Frauen – Paare“ und das „Requiem“ (nach Mozart) in einem Auszug. Im vorigen Jahr hat Rolf Michaelis über das ganze Werk berichtet (ZEIT Nr. 51/1991). Auch jetzt sehen wir eine Ordnung nach dramaturgischen Kriterien, obwohl Mozarts Musik zuweilen suspendiert wird. Dann ist es fast ein Handlungsballett, das man „Agonie“ nennen könnte.

In der Sendung heißt es einmal, es erfordere einen großen Lernprozeß, wenn im Tanztheater keine kontinuierliche Handlung stattfindet. In der Tat, das ist ein unumgänglicher Prozeß, der zum Eigentlichen führt. Zum Tanz, der ältesten Kunst, denn schon die Anthropoiden tanzten. Vor ihnen darf doch unser Zeitgeist sich nicht blamieren?

René Drommert