Von Monika und Otto Köhler

Borniertheit hat stets seltsame Dogmen: Der Begriff der Kunst sei, so sprach sie kürzlich aus dem dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks, „in Zentraleuropa geschaffen worden unter Voraussetzungen, die es weder in Asien noch in Afrika je gegeben“ habe. Weil das so sei, verlangt der Zeitgeistphilosoph Professor Bazon Brock in den NDR-„Gedanken zur Zeit“: „Wir können dieses europäische Konzept der Kunst auf keinen Fall zugunsten völliger Gleichgewichtigkeit Tausender autonomer Sprach- und Kulturgemeinschaften aufgeben.“

Der Europäer Brock stellt darum der Kunst das Ultimatum: „Wenn die Weltökologie, die Welttechnik und die Weltwirtschaft zivilisatorische Vereinheitlichung und Standardisierung erzwingen, dann erwächst daraus nur eine Weltkunst, wenn die ganze Welt die europäisch entstandene Auffassung von der Kunst übernimmt. Mit der Multikultur ist es nichts, wird es nichts und kann es auch rein theoretisch nichts werden.“

Rein praktisch widerlegt ihn seit fast vier Jahren ein großes Haus direkt an der Spree: das „Haus der Kulturen der Welt“. Gerade noch zu Zeiten der Mauer im Januar 1989 entstanden, wuchs es hinein in den Prozeß der Vereinigung der Stadt, blühte auf und könnte doch zugrundegehen in dem „Schweinsgalopp“ (Günter Grass), in dem das neue große Deutschland seine Gestalt annimmt. Am Spreebogen, in den Parkanlagen gegenüber dem Reichstag gelegen, befindet es sich in der ehemaligen Kongreßhalle, jenem Geschenk der USA an das Volk von Berlin, das von ebendemselben wegen der architektonisch einmaligen Form des Gebäudes „Schwangere Auster“ benannt wurde.

„Gebe Gott, daß nicht nur die Liebe zur Freiheit, sondern auch ein tiefes Bewußtsein von den Rechten der Menschen alle Völker durchdringe, so daß ein Philosoph, wohin immer er seinen Fuß auch setzen möge, sagen kann: ‚Dies ist mein Vaterland.‘“ Gewiß, im gegenwärtigen Neuaufbruch der Völker werden solche Philosophen eher als lästige Ausländer abgeschoben, aber dieser Spruch Benjamin Franklins steht auf Marmor gemeißelt im Foyer der Kongreßhalle. Und der bundesdeutsche Urvater Theodor Heuss wünschte 1957 bei der Einweihung, daß die Franklin-Widmung noch an Bedeutung gewinnen möge, „wenn dieses Haus zu einem Forum des freien Gedankenaustausches zwischen Menschen aller Nationen geworden sein wird“.

Das ist es heute – und noch weit mehr. Als das „Haus der Kulturen der Welt“ im Januar 1989 seine Arbeit aufnahm, ging es in der damaligen Bundesrepublik annähernd so provinziell zu wie im Mittleren Westen der USA. Unter Tausenden von Ausstellungen in der Bundesrepublik waren – so stellte der DAAD Letter des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für 1988 fest – nur rund hundert von Künstlern aus der Dritten Welt. Von 300 Filmpremieren betrafen nur drei fremde Kulturen, von 6000 neuen Literatur-Veröffentlichungen in Afrika wurden nur 46 in die deutsche Sprache übersetzt.

Da hat sich allerhand geändert, seit es das „Haus der Kulturen der Welt“ gibt. Das Haus mit dem ungelenken doppelten Genitiv ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, der Rechtsform nach. Einziger Gesellschafter war das Land Berlin, dieses Jahr ist die Bundesrepublik mit dem Auswärtigen Amt hinzugekommen, die zuvor schon die Hälfte der Ausgaben trug.