Solange das Ethikgewerbe eine Wachstumsbranche ist, man denke an die Bedeutung, die das Schulfach Ethik als Religionsersatz in den alten Ländern schon hat und in den neuen heidnischen Ländern mit Sicherheit erhalten wird, haben auch die philosophischen Zulieferbetriebe Konjunktur. Den größten Erfolg hat wohl immer noch die sogenannte Diskursethik, die Karl Otto Apel und, leicht variiert, Jürgen Habermas vortragen. Der „seltsam zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) steuert – das wissen alle Kulturpropheten – keineswegs immer die erforschlichen und die unerforschlichen Wege der Geistespolitik, denn schon lange liegen beachtliche Einwände gegen die Diskursethik auf dem Tisch.

Die bündigste Zusammenfassung der wichtigsten Argumente findet sich in einem Kapitel von „Endliche Vernunft“, dem neuen Buch von Hans Michael Baumgartner (Zur Verständigung der Philosophie über sich selbst, Bouvier, Bonn/Berlin, 224 S., 68,– DM), das auch sonst lesenswert ist. Baumgartner steht wie Apel und Habermas in der aufklärerischen Tradition Kants. Auch er möchte an dessen Vorstellung vom Subjekt und seinem bevorzugten Organ, der Vernunft, festhalten. Für Apel ist die Sprache Medium und Schauplatz der „Letztbegründung“. Baumgartner dagegen zeigt, daß der Diskurs gegenüber der praktischen Vernunft immer schon zu spät kommt. „Die praktische Vernunft sieht mehr, als überhaupt Gegenstand von Diskursen und damit Gegenstand einer Diskursethik werden kann.“ Die Sprache, sonst die große Entdeckung der Philosophie unseres Jahrhunderts, kann nicht der Lieferant von Werten und Normen sein. Sie gehört allenfalls – aber das ist trivial – zu den Konditionen des Geschäfts.

Eckhard Nordhofen