Von Monika Putschögl

Wie archaische Heiligtümer ruhen sie auf dem Hügel. Dicht gedrängt, stolz und streng, kleine steinerne Paläste, auf kurze dicke Säulen gestellt, von Granitplatten bedeckt und mit einem Kreuz gekrönt. Eine Kultstätte? Ein Platz für Tote? Ein Landmann kommt mit seinem Ochsenkarren, nähert sich einem der mysteriösen Häuschen – und lädt einen Stapel Säcke ab. Keine okkulten Riten werden hier zelebriert, diese Gebäude dienen profanem Nutzen – sie sind Getreidespeicher. Ein Stück über dem Boden gebaut, geben sie Mäusen und Ratten keine Chance, die Vorräte anzuknabbern. Die luftige Bauweise sorgt für den nötigen Durchzug. Wie ihre Vorväter lagern heute noch die Bauern im Norden Portugals, in Lindoso oder Soajo, ihre Vorräte in diesen Speichern ein, weil es sinnvoll ist und nicht rückständig, wie das Bild suggeriert.

Hier, wo noch immer die Frauen so gewaltige Heulasten auf dem Kopf balancieren, daß ihr Gesicht kaum zu erkennen ist, hier, wo das schwerfällige Ochsengespann auf der Straße wie aus dem Mittelalter kommt, hier prallen Vergangenheit und Zukunft aufeinander. Von ferne dringt ein Rattern und Stampfen herauf zu den Ruinen der früheren Festung Lindoso, unten im Tal entsteht ein Staudamm. Wie gerade erst vor ein paar Tagen geteert, wirkt die Straße, die hinüberführt nach Spanien. Neu auch sind die Häuser, die hier (wie allerorten im Norden) auffallen, weil ihr bisweilen protziger Stilwirrwarr so gar nicht in die strenge Landschaft passen mag. Gebaut wurden sie von heimgekehrten Gastarbeitern, die damit vielleicht zeigen wollen: "Schaut her, die harten Jahre in Frankreich, in Deutschland, die haben sich ausgezahlt." Aus den Bergen mußten viele wegziehen, weil’s zum Leben nicht so recht reichte. Der Blick von der Festung von Lindoso reicht weit über herb-schönes, hügeliges Land, wo im Terrassenbau Wein, Mais und Getreide gewonnen werden.

Wer sich in die Nordwestecke vorwagt, in die Provinz Minho, in jenes Gebiet, das sich noch nicht dem Moloch Tourismus ausgeliefert hat, der erlebt Portugal als ein Land im Umbruch, auch dank der Segnungen der EG, die mit ihrer Strukturhilfe für immer neue Straßen sorgt. Das Reisen im Hinterland der Costa Verde, der grünen Küste mit den kühlen Atlantikfluten, das Reisen im Land des Vinho verde, des grünen, soll heißen jungen Weins, ist Bummeln durch ein grünes Land. Weinstöcke, unter denen der Kohl für die Suppe wächst, prägen die Szenerie, Kiefernwälder, aber auch weite Flächen voll Eukalyptus. Jenem Baum, der für den Norden typisch geworden ist, weil er nach Bränden – und es brennt häufig – schnell, also gewinnbringend nachwächst.

Der Besucher wird nicht von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit jagen, sondern mit Muße durch die vielen kleinen, alten Städte streifen, in die jetzt die Moderne drängt, aber die immer noch so viel Gelassenheit ausstrahlen, daß sie sich auf den Fremden überträgt.

Hier im Norden begann die Geschichte jenes kleinen Königreichs Portugal, das sich einmal die entferntesten Ecken der Welt Untertan machen sollte: Goa in Indien, Macao in China, Brasilien in Südamerika, Angola und Mosambik in Afrika.

In der Provinz Minho, in der Stadt Guimaräes wurde Afonso Henriques geboren und getauft, der sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts – nachdem er seine Mutter ausgebootet und in der Vertreibung der Mauren Erfolge erzielt hatte – zum ersten König ausrufen ließ. Damit hatte sich Portugal auf der Iberischen Halbinsel selbständig gemacht, was den Spaniern in der Folgezeit nicht immer gefallen wollte.