Von Volker Ullrich

Ein Werk, buchstäblich dem Tode abgerungen: Kurz bevor er am 14. Juni im Alter von nur 64 Jahren starb, hat Thomas Nipperdey den zweiten Band seiner "Deutschen Geschichte 1866-1918" abschließen können: "Machtstaat vor der Demokratie". Er knüpft unmittelbar an den vor zwei Jahren unter dem Titel "Arbeitswelt und Bürgergeist" erschienenen ersten Band an, der wiederum eine Fortsetzung darstellt zu Nipperdeys vielgerühmter "Deutschen Geschichte 1800-1866" aus dem Jahre 1983. Mit dieser Trilogie liegt nun eine Synthese vor, die dem Anspruch einer histoire totale – einer die Totalität der Lebenswelten umgreifenden Gesamtgeschichte Deutschlands vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Kaiserreichs – in hohem Maße gerecht wird.

Schon einmal hatte sich ein Historiker an ein solch gewaltiges Unternehmen gewagt: Franz Schnabel, einer der Vorgänger Nipperdeys auf dem Münchner Lehrstuhl, mit seiner vierbändigen "Deutschen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts" (1929/37) – ebenfalls ein groß angelegter Versuch, Politik-, Geistes- und Kulturgeschichte zusammenzuführen und in der "innigen Verflochtenheit aller Lebensgebiete" darzustellen. Doch dieses Werk blieb ein Torso wie so viele andere historiographische Großprojekte – man denke nur an Heinrich von Treitschkes "Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" (5 Bände, 1879/94). Daß es Nipperdey, einer der letzten Generalisten der Zunft, geschafft hat, trotz fortgeschrittener Krankheit sein Hauptwerk zu vollenden und dabei den dritten Band auf der Höhe der beiden anderen zu halten, verdient Bewunderung. Mit dieser Energieleistung – ein Produkt protestantischer Arbeitsaskese und bürgerlichen Forscherfleißes – hat sich der Münchner Gelehrte eingeschrieben in die Annalen der Geschichtswissenschaft.

Unvermittelt, mit einem Paukenschlag, setzt dieses Buch ein: "Am Anfang war Bismarck." Das ist nicht nur eine kokette Wiederaufnahme jenes inzwischen schon fast sprichwörtlichen ersten Satzes der "Deutschen Geschichte 1800-1866": "Am Anfang war Napoleon" – ein Auftakt, der Hans-Ulrich Wehler dazu provoziert hat, seiner ebenso ambitionierten, in manchem als Gegenentwurf zu Nipperdeys Werk konzipierten "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" die Pointe "Am Anfang war keine Revolution" voranzustellen. Wenn es nach Napoleon einen Politiker gab, der die europäische Szene beherrscht, den Lauf der Dinge gelenkt hat, dann war es Bismarck, der preußische Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes, in den Jahren nach 1866. Ohne ihn – so Nipperdey – wäre die Reichsgründung kaum denkbar gewesen. Er hat auch als Reichskanzler der Epoche bis 1890 den Stempel aufgedrückt, ebenso wie die dominierende Figur nach ihm, Wilhelm II., den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg – Nipperdey nennt ihn das "fleischgewordene Unglück der jüngeren deutschen Geschichte vor Hitler". Von beidem, der "Bismarckzeit" und der "Wilhelminischen Zeit", handelt dieses Buch.

Standen im zweiten Band der Trilogie Wirtschaft und Gesellschaft, Arbeitswelt und Alltagsleben, Bildung, Wissenschaften und schöne Künste im Mittelpunkt, so geht es hier um die politische Geschichte des Kaiserreichs – freilich nicht im traditionellen Verständnis der Haupt- und Staatsaktionen, sondern in einem modernen, Strukturen, Prozesse und Ereignisse verklammernden Sinne. Was wiederum zeigt, wie sehr Nipperdey, der sich gelegentlich selbst zum Antipoden der Bielefelder Schule der Sozialgeschichtsschreibung stilisierte, doch auch von deren methodischen Anregungen profitiert hat.

Nach einem Einführungskapitel, das den Weg zur Reichsgründung beschreibt, widmet sich der Autor auf fast 300 Seiten den "Grundstrukturen und Grundkräften im Reich von 1871". Dazu gehören eingehende Untersuchungen zu Verfassung und Verwaltung, Finanzen und Steuern, Recht und Justiz, zur Rolle des Militärs und des Nationalismus, zur Situation der Minderheiten (Polen, Dänen, Elsässer), zur Entstehung des Antisemitismus und zur Entwicklung der deutschen Parteien zwischen 1866 und 1890. Daran schließt sich – Kapitel III – die Darstellung von Innen- und Außenpolitik im Bismarckreich an. Es folgen, anknüpfend an Kapitel II, Betrachtungen über zentrale "Strukturprobleme nach 1890" – über das Aufkommen des Interventionsstaates, die Veränderungen der Herrschaftspraxis unter Wilhelm II. (Stichwort "persönliches Regiment"), über Wahlen, Parteien und Interessenverbände bis 1914, die Wandlungen des Nationalismus und die Beziehungen der Bundesstaaten –, bevor in einem fünften Kapitel Außen- und Innenpolitik der Wilhelminischen Ära abgehandelt werden. Den Abschluß bildet die Geschichte des Ersten Weltkrieges – mit reichlich hundert Seiten eines der kürzesten Kapitel. Hier, und nur hier, spürt man, daß die Kräfte des Autors allmählich nachlassen.

Gibt es eine zentrale Frage, eine leitende Idee, die das Ganze zusammenhält? Wie schon in den beiden anderen Bänden vermißt man eine Einleitung, in der der Autor Rechenschaft ablegt über seine Erkenntnisinteressen, Gliederungsprinzipien und Auswahlkriterien. Am Ende muß er einräumen, daß wir es, statt mit einer Geschichte, mit "einem Ensemble von Geschichten" zu tun haben und es "keine Formel oder These" gibt, "auf die sich alles bringen läßt". Der Leser muß sich also selbst Schneisen durch das Dickicht der Stoffmassen schlagen, und wenn es eine Art Kompaß gibt, der ihm die Orientierung erleichtern kann, dann ist es vielleicht die widerspruchsvolle Kombination von Modernität und Anti-Modernität, die das Kaiserreich auf eigentümliche Weise kennzeichnet.