Von Julia Tugendhat

Noch immer zwickt uns die Rezession, noch immer wächst in Großbritannien die Not der Obdachlosen. Aber seit kurzem gibt es eine Initiative für jene unter ihnen, die an einer Hilfe zu Selbsthilfe interessiert sind: Big Issue, eine Zeitung für Londoner, die auf der Straße leben. Verkauft wird sie von jenen, die sie auch lesen sollen; Idee und Startkapital kommen von den Gesellschaftern der erfolgreichen Kosmetik-Ladenkette Bodyshop, Herausgeber ist John Bird.

Am 18. September konnte Big Issue einjähriges Jubiläum feiern. Die Auflage: fast 200 000 Exemplare monatlich. Bald könnte das Blatt kostendeckend arbeiten. Seit kurzem erscheint Big Issue in einem neuen, kleineren Format und wird demnächst alle zwei Wochen statt wie bisher einmal im Monat erscheinen.

Keine schlechte Bilanz für ein Projekt, das zunächst nur als vage Idee existierte. Gordon Roddick, einer der Inhaber von Bodyshop, hatte in New York einen Exdrogenhändler kennengelernt, der eine Zeitung verkaufte – Street News. Schwer beeindruckt davon, erwog Roddick ein ähnliches Projekt in London und fragte seinen alten Freund John Bird, der von Beruf Drucker war.

Zwar verfügte Bird nicht über journalistische Erfahrungen, dafür kannte er die Situation Obdachloser, denn er hatte selbst einmal dazugehört. Mit zehn Jahren war er von zu Hause weggelaufen, schlief auf der Straße, stahl und nahm Drogen. Ständig hatte er mit der Polizei zu tun. Später schaffte er dank eines Erziehers, der an ihn glaubte, den Sprung auf eine Kunstschule. Ein „harter Bursche“ also, und er sieht auch so aus: kurzes bleigraues Haar, listige Augen, provokative Miene. Wir trafen uns in einem kleinen Café; er drehte seine Zigaretten selbst und grüßte jeden.

Stolz bezeichnet er sich zwar als Amateur, der mit Amateuren arbeitet, doch macht er ganz den Eindruck eines professionellen Pragmatikers. Sein Team: ein Gitarrenspieler „mit einer großen Schnauze, der weiß, wie man einen Obdachlosen überzeugt, daß er nicht zwangsläufig obdachlos zu sein braucht“; der Nachrichtenredakteur hat gerade sein Examen in Oxford bestanden, der „Chefkoordinator“ wurde direkt von der Straße aufgesammelt. In dem hellen, spartanisch eingerichteten Büro im Stadtteil Hammersmith haben alle ihren Job, von der redaktionellen Tätigkeit bis zum Vertrieb, erst in der Praxis erlernt.

Am Anfang sind sie auf die Straße gegangen und haben gefragt, wer Interesse habe, die Zeitung zu verkaufen. Mittlerweile ist die Zahl der Verkäufer auf 400 bis 500 angewachsen. Sie bekommen kein Almosen angeboten, sondern die Chance, etwas zu verdienen, statt zu betteln. Sie erhalten eine kleine „Grundausbildung“ und andere Hilfen, doch sonst müssen sie selbst zurechtkommen. Die Zeitungen werden vom Zentraldepot – Victoria Station – abgeholt. Pro Zeitung zahlen die Verkäufer umgerechnet circa sechzig Pfennig und geben sie für eine Mark vierzig weiter. Achtzig Pfennig Gewinn wandern in die eigene Tasche. Das Außendienst-Team, das Kontakt zu den Verkäufern hält, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite, auch was medizinische Versorgung, Rechtsfragen oder Unterkunft angeht. Wenn sich einer vollaufen läßt, bekommt er erst wieder Arbeit, wenn er nüchtern ist.