Von Friedrich Andrae

Es ist der 2. Oktober 1943. Seit der Landung der Alliierten auf Sizilien im Juli ist Italien Kriegsgebiet, von Deutschen okkupiert, nachdem die seit dem Sturz Mussolinis amtierende Regierung des Marschalls Badoglio am 3. September die Kapitulation unterzeichnet hat. Seither gilt im bis dato verbündeten Land deutsches Kriegsrecht, ausgeübt vom Oberbefehlshaber (OB) Süd, Feldmarschall Kesselring.

An diesem 2. Oktober sterben in Acerra nördlich von Neapel 87 Menschen bei einer Vergeltungsaktion. Tags zuvor sind deutsche Soldaten in Acerra eingedrungen, haben ohne ersichtlichen Anlaß Häuser in Brand gesteckt, das Feuer auf protestierende oder flüchtende Bewohner eröffnet und sind danach weitergezogen. Und nun erscheinen erneut deutsche Soldaten, legen wieder Feuer an Häuser, stoßen auf eine Barrikade aus Wagen, Maschinen und Gerät der Bauern, brechen den Widerstand mit Tigerpanzern; unter den Opfern: Frauen und Kinder.

Vier Tage darauf tötet im 25 Kilometer entfernten Bellona der Bruder eines Mädchens einen deutschen Soldaten nach versuchter Vergewaltigung. Zur Sühne werden am 7. Oktober fünfzig Einheimische, darunter sechs Priester, in einer Felsenhöhle nahe des Dorfes erschossen.

In beiden Fällen sprechen die Berichte von „reparti SS“. Aber Waffen-SS ist hier ausweislich deutscher Militärquellen zu dieser Zeit nicht im Einsatz, hingegen befinden sich die über schwere Kampfpanzer verfügende 26. Panzerdivision (PzD) und die PzD „Hermann Göring“ (H.G.) hier just auf dem Rückzug aus der Schlacht um Salerno und aus Neapel. Letztere mit einschlägigen Erfahrungen: Bei einer von ihren Einheiten veranstalteten „Menschenjagd“ in den Straßen des apulischen Barletta starben am 8. September elf Vigili urbani (Stadtpolizisten) und zwanzig andere Bewohner.

An jenem 8. September 1943 war die Kapitulation Italiens bekanntgeworden. Hitler sprach von „gemeinem Verrat“ und – so notierte Goebbels im Tagebuch – „ist fest entschlossen, in Italien Tabula rasa zu machen“.

Feldmarschall Kesselring beeilte sich, per Tagesbefehl (12. September) festzustellen: „Wir Deutschen kämpfen weiterhin gegen den äußeren Feind, zum Heil Europas und Italiens“; „im übrigen gibt es gegen Verräter keine Schonung“. Zum Beispiel nicht für italienische Soldaten: Nach einem vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Feldmarschall Keitel, unterzeichneten Führerbefehl sind „Offiziere solcher italienischer Truppenteile, die sich nicht freiwillig entwaffnen lassen oder mit Aufständischen gemeinsame Sache machen“, nach Gefangennahme zu erschießen, Unteroffiziere und Mannschaften zum Arbeitseinsatz in den Osten zu deportieren. Kesselring am 5. Oktober: „Irgendwelche sentimentalen Hemmungen des deutschen Soldaten gegenüber badogliohörigen Banden in der Uniform des ehemaligen Waffenkameraden sind völlig unangebracht.“ Als „Militärinternierte“, zu denen Hitler sie erklärt, verlieren die ehemaligen Bundesgenossen den Schutz der Genfer Konvention. Mehr als 40 000 Italiener finden infolge dieser Befehle den Tod, unter Tatbeihilfe der deutschen Wehrmacht.