Von Frank Ernst

Freitagabend, gemächlich rollt der Inter-Regio in den Leipziger Hauptbahnhof ein. Das Entree der altehrwürdigen Messe-, Musik-, Buch- und Universitätsstadt ist mehr als ein x-beliebiger Personenumschlagplatz. Europas größter Kopfbahnhof, zwischen 1902 und 1913 für die damals astronomische Summe von 137 Millionen Reichsmark erbaut, hat zwei Eingangshallen, zwei Freitreppen, zwei Wartesäle und zwei Seitenausgänge. Grund der Doppelung: Bis 1934 wurde die Anlage zweistaatlich betrieben. Die Bahnsteige 1 bis 13 verwalteten die verhaßten Preußen, nur auf den Bahnsteigen 14 bis 26 gaben sächsische Beamte den Ton an.

Gigantisch wirkt das Gebäude und doch seltsam leer. Die wenigen Kioske verlieren sich in dem hohen Raum, der Restauranttrakt, einst für 2400 Personen konzipiert, wirkt mit kaum vier Dutzend Gästen verwaist. Der Leipziger Hauptbahnhof – ein Sinnbild für vergangene Bedeutung und verflossene Herrlichkeit. Ein Monument aus jener Zeit, als die Sachsen-Metropole viertgrößte Stadt des deutschen Reichs war, wohlhabend wie kaum eine andere. Als Kaufleute aus aller Welt hier an der Pleiße ihren Geschäften nachgingen. Als die zahlenstarke jüdische Gemeinde mäzenatisch Künste und Kultur beflügelte. In vier Jahrzehnten DDR wurde der schöne Schein einer dynamischen Kommune mühsam hochgehalten. Auch noch, als die Stadt längst den Anschluß an traditionelle Konkurrenten wie etwa Frankfurt, Barcelona oder Mailand verpaßt hatte.

Zumindest die Hotelpreise haben in Leipzig wieder weltstädtisches Niveau erreicht. Das Zimmer im „Astoria“ kostet, bei vergleichsweise mäßigem Standard, happige 235 Mark pro Nacht. Dafür eignet sich die Unterkunft hervorragend als Ausgangspunkt für Streifzüge durch die Innenstadt.

Vor dem Abendprogramm steht die Qual der Wahl. Wofür soll sich der Besucher entscheiden? Für ein Symphoniekonzert des Gewandhausorchesters unter Leitung von Kurt Masur? Einen Opernbesuch? Wird er hinabsteigen zu den Kabarettisten in den Academixer-Keller. Oder lieber den lokalen Satiregegenspielern in der Pfeffermühle einen Besuch abstatten? Vielleicht sogar hinausfahren zum Werk II, der neuen Kulturfabrik im Leipziger Szenestadtteil Connewitz?

Mozarts „Cosi fan tutte“ macht das Rennen, anschließend schmeckt im malerischen Innenhof der Pfeffermühle ein kühles Ur-Krostitzer. „Das ist hier eine richtige Besatzerkneipe geworden“, raunzt mir ein heimischer Photograph zu. Ihn stören die vielen Wessis, die leicht an der akuraten Kleidung zu identifizieren sind. Mit verklärten Augen erzählt mir mein Gegenüber von Zeiten vor der Wende, als die „Mühle“ noch ein Hort umtriebiger Oppositioneller war.

Der Samstagmorgen beginnt mit einem Bummel in die Innenstadt. Wie wohl in keiner anderen deutschen Großstadt läßt sich in Leipzig das historische Zentrum ausmachen. Den fast genau einen Quadratkilometer umfassenden Stadtkern umgibt eine breite, baumreiche Ringpromenade. Das im 12. Jahrhundert am Kreuzungspunkt der Handelsstraßen Via regia und Via imperii entstandene Zentrum ist in seiner Grundstruktur bis heute erhalten.