Von Judith Reicherzer

Alle hatten mit gewaltigen Menschenmassen gerechnet: die Regierung, die Bürger, die Hilfsorganisationen und Baufirmen. Schließlich waren in den vergangenen zwei Jahren fast 400 000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen, über drei Millionen leben noch dort. Israel war also auch in diesem Jahr wieder auf Hunderttausende von neuen Immigranten gefaßt – umsonst. Nur etwa 40 000 Juden sind seit Januar aus den Staaten der GUS nach Israel ausgewandert. Die anderen warten lieber ab. Derzeit scheint ihnen in der alten Heimat noch keine Lebensgefahr zu drohen – und aus dem gelobten Land kommen nur Klagen.

Fast vierzig Prozent ihrer emigrierten Landsleute sind in Israel arbeitslos und auf Unterstützung angewiesen. Die Menschen werden zwar mit offenen Armen empfangen, das Land kann die Aussiedlerwelle aber ökonomisch nicht so schnell verkraften. Es hatte 1991 ein Rekorddefizit im Außenhandel von rund 5,5 Milliarden Dollar, der Staat ist im Ausland mit 15,5 Milliarden Dollar netto verschuldet. Die Arbeitslosenquote lag zum Entsetzen aller Israelis in diesem Sommer bei zwölf Prozent, der höchste Stand seit Mitte der sechziger Jahre.

Nach dem Regierungswechsel im Juli hat der neue Ministerpräsident Jitzhak Rabin von der Arbeiterpartei auch sofort die Prioritäten neu gesetzt. Er will vor allem gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen und das Sozialsystem stärken. Dafür braucht er einen Wirtschaftsaufschwung und Geld. An beidem aber fehlte es in Israel in den vergangenen Jahren.

Auch Rabins Vorgänger Jitzhak Schamir hatte versucht, die Wirtschaft anzukurbeln und gleichzeitig den Einwandererströmen Herr zu werden. Er ließ unter anderem Tausende von neuen Häusern, zu einem erheblichen Teil in den besetzten Gebieten, errichten. Die Investoren bekamen dafür nicht nur großzügige staatliche Unterstützung, die Regierung gab ihnen auch die Garantie, die Wohnungen nach Fertigstellung abzukaufen.

Der Aufschwung schien zunächst gelungen. In den vergangenen drei Jahren wurden im Bau über 30 000 neue Arbeitskräfte eingestellt, die Branche schaffte allein 1991 ein Wachstumsplus von achtzig Prozent. Doch ihr Erfolg ging zu Lasten der Steuerzahler. Der Staatsanteil am Bruttosozialprodukt kletterte seit 1989 von 50 auf 68 Prozent, das Budgetdefizit wuchs rapide.

Dann kam in diesem Frühjahr der Einbruch. Viele der neuen Wohnungen sind inzwischen bezugsfertig – und stehen leer. Die erwarteten Immigrantenmassen fehlen, und wer doch nach Israel aussiedelt, meidet die Trabantenstädte, die die Schamir-Regierung in die Wüste oder im Westjordanland bauen ließ. Die Menschen zieht es nach Haifa oder Tel Aviv, wo zwar die Wohnungen fehlen, es aber Aussicht auf einen Job gibt.