Südafrika, Lima, Kapstadt:

Das Elend – schwarz auf weiß

Niemand lacht hier, und es gibt auch nichts zu lachen. Die fünfzehnjährige Naledi lebt in einem Dorf in Südafrika, dessen Bewohner in ein Homeland umgesiedelt werden sollen. Mateo verläßt mit seinem Vater und den Geschwistern sein Dorf in den Anden, um in Lima Arbeit zu finden. Johnny reißt von zu Hause aus, um sich in Kapstadt durchzuschlagen und sich den „Strollers“ anzuschließen. Drei Bücher, drei zu früh erwachsene Kinder, drei Versuche, das Elend erzählbar zu machen. Drei Bücher, denen man viele jugendliche Leser wünscht, drei Bücher mit den alten Stärken und Schwächen engagierter Literatur.

„Es war, wie Naledi befürchtet hatte“, konstatiert die südafrikanische Schriftstellerin Beverley Naidoo, die heute in England lebt, auf Seite 49 ihres Romans „Naledi – Die Ketten des Zorns“. Und so kommt es auch. Hinter jeder Seite Hoffnung lauert die vorhersehbare Enttäuschung. Das Dorf soll dem Erdboden gleichgemacht werden, nach Stämmen getrennt und diese in weit entlegene Homelands verteilt werden. Ethnische Säuberung, Umsiedlungspolitik – die weißen Methoden des „Teile und herrsche“ gegen den wachsenden schwarzen Widerstand, gegen die hilflose Auflehnung. Man liest weiter, leidet mit, erfährt manches und weiß am Ende, daß die Bösen böse, die Armen arm und die Feigen feige sind. Der gute Wille verwandelt Gefühle in Papier und Gedanken in hölzerne Sätze. Vielleicht lassen Wut und Ohnmacht nur solche Bücher entstehen, sicher reicht Sprache nicht aus, um – schwarz auf weiß – Unfaßbares bewußtzumachen, vielleicht hilft nur Gewalt, wo Schwarzweiß jede Schattierung als Ausflucht und Beschwichtigung entlarvt.

Auch die Geschichte „Die Schuhe der Señores“ des österreichischen Autors Robert Thayenthal bleibt ohne sprachlichen Ausweg. „Das Wunder dieser Stadt war, daß es immer ein noch größeres Elend gab, als sie sich bisher vorstellen konnten“; und so versinken die Kinder Mateo, Bonifacia und Pepito immer tiefer im Unrat Limas, während ihr Vater seine gescheiterten Hoffnungen im Pisco, im Zuckerrohrschnaps, ertränkt. Bonifacia stirbt an Cholera, der kleine Pepito wird an die wohlhabende, kinderlose Frau eines Universitätsprofessors verkauft, und Mateo steigt vom Schuhputzer in den Dunstkreis von Taschendieben und Bombenwerfern auf. Das Verblüffende an Thayenthals Geschichte: Kriminalität und politischer Tenor werden immer nachvollziehbarer und „normaler“, das Elend läßt eine Welt entstehen, die alle europäischen Wertmaßstäbe als zinstragende Luxusartikel ausweist. Das Traurige: Die Geschichte entwickelt sich nicht, sie reiht Hörspielszenen aneinander, erhellt blitzlichtartig Situationen und plaziert sie auf einen Boulevard, den der literarische Tourist voller Entsetzen und Mitleid entlangschlendert.

Die Schottin Lesley Beake, die elf Jahre in Südafrika unterrichtete und heute in Namibia lebt, vermeidet diese Fehler. Es passiert nicht viel im Leben der „Strollers“ in Kapstadt, jener Kinder, die auf der Flucht vor ihrer eigenen Geschichte sich zu Gruppen zusammenschließen, betteln, für nicht existierende Kirchen sammeln oder sich durch Tütentragen vor dem Verhungern retten. Und gerade deshalb versinkt man in dieser Geschichte, in der Angst und den glanzlosen, kindlichen Hoffnungen, trinkt mit Wasser angerührtes Milchpulver, ißt die Reste von weggeworfenen Hamburgern, schnüffelt an Klebstofflösungen, freut sich an einer halben Zigarette und aufgewärmtem Kaffee. Es gibt kein Gut und Böse, nur mißmutige Polizisten mit Kreuzschmerzen, die Razzien durchführen müssen, wenn ein Staatsbesuch droht, Weiße, die ein paar Cents opfern, und andere, die ihre Tür zuknallen, aggressive Alkoholiker und coole Streetgangs, zwischen denen sich die Strollers unsichtbar zu machen hoffen. Die Geschichten, vor denen sie geflohen sind, erzählen von spurlos verschwundenen Müttern, toten Vätern oder Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern können. Geschichten, die immer das gleiche Ende haben: Es ist egal, ob man bleibt, davonläuft oder stirbt. Vielleicht wird dies zum Bedrückendsten an diesem Roman, an jedem guten Roman, dem das Elend keine Hoffnung läßt: Das Glück zu spüren, frei zu sein, weil nichts mehr zu verlieren ist, weil man nicht mehr gesehen wird, weil man schon zu existieren aufgehört hat, bevor man gestorben ist – und manchmal darüber lachen zu müssen. „Man kann nur eine bestimmte Zeit traurig sein. Nach einer Weile muß etwas Gutes passieren. Oder?“, meint Johnny von den Strollers. Der Leser nickt.

Konrad Heidkamp