Gäbe es einen Satelliten, der aus der Ferne alle Veränderungen auf der Erde seit dem Mittelalter bis ins feinste Detail festgehalten hätte, wünschte sich der amerikanische Historiker Bernard Bailyn, so käme eine Bewegung ans Licht, deren Bedeutung erst der Zeitraffer offenbart. Gemeint war die transatlantische Völkerwanderung, ein Strom von über fünfzig Millionen Menschen, der sich im Kielwasser des Kolumbus von Europa nach Amerika ergoß. Der Inbesitznahme der Welt durch die Armeen Europas folgte die Aneignung durch seine Völker: 52 Millionen Menschen entdeckten allein in dem Jahrhundert zwischen 1824 und 1924 ihre persönliche neue Welt, ob diese nun, wie meist, in Nordamerika, in seinem Süden oder in der allerneuesten Welt lag: in Australien und Neuseeland. Sie flohen vor religiöser Intoleranz oder politischer Verfolgung, meist jedoch vor Mittellosigkeit und sozialem Abstieg.

Ein in der Edition Temmen erschienener Band zur Geschichte der europäischen Auswanderung wirft einen solchen Blick aus der Ferne auf die Erde. Das Bild, das er vom Europa der vergangenen Jahrhunderte zeichnet, ist das eines Kontinents in Bewegung. Dem "Aufbruch in die Fremde" haftete nichts Ungewöhnliches an, dem Abschied oft richts Endgültiges: Hatte man genug verdient, wollte man zurückkehren.

Viele, die sich einschifften, trugen unter der Jacke die Briefe der Verwandten und Bekannten, die den Sprung in ein anderes Leben bereits geschafft hatten. Sie brachen keineswegs ins Ungewisse auf, sondern zu ganz bestimmten Zielen: nach Butte City, Montana, oder Edwardsville in Pennsylvania, häufig mit im voraus bezahlten Fahrkarten, die ihnen aus Amerika geschickt wurden. Sie folgten bekannten Pfaden und machten sich wenig Illusionen darüber, was von dem fremden Land zu erwarten war. Auch diejenigen, die ohne solche Gewißheiten an Bord gingen, reisten mit einem fest geschnürten Bündel kultureller Eigenheiten, das nicht auf der Pier zurückgelassen werden konnte.

Welche Notlagen Auswanderer aus den hintersten Winkeln Europas, aus Galizien, Tirol oder den schottischen Hochmooren, in den Häfen Liverpools, Rotterdams, Bremens und Hamburgs zusammenführten, in denen sie gemeinsam ein Schiff nach Übersee bestiegen, welche Strapazen sie auf der Überfahrt in überfüllten Zwischendecks auszustehen hatten und was sie erwartete, sobald sie ihren Fuß jenseits des Meeres wieder auf festen Boden setzten – dies macht dieser Band auf anschauliche Weise sichtbar.

Auswanderung aus wirtschaftlicher Not ist kein Phänomen eines vergangenen Zeitalters. Die Zeiten, da Deutsche – Pfälzer, Hessen oder Sachsen – auf der Suche nach besseren Lebensumständen ihre Heimat verließen, liegen noch nicht lange zurück. Mirjam Zimmer

  • Dirk Hoerder/Diethelm Knauf (Hrsg.):

Aufbruch in die Fremde