Von Günther Nenning

Wie oft kann man einen Roman schreiben, der schon geschrieben wurde? Beliebig oft. Es ist das Wesen der Literatur, daß sie sich wiederholt. Sie besteht keineswegs aus Neuem. Antonio Fian, 36, staatsgepreistes Junggenie aus Kärnten, schrieb seinen ersten Roman, bisher nur Geschichten und Dramolette, nun ein Romanolett von 137 Seiten, und jede riecht bissei nach Kafka. Darf das sein? Aber gewiß. Es muß nur eben gut sein. Das ist es.

Laut tönte schon bisher der Chor der Fian-Fans. Weil er so witzig schrieb, z. B. ein Mikrodrama auf und für Peymann (Bernhard, schau oba!). Jetzt wird der Chor noch lauter werden in der Kirche der Literaturkritiker. Sie schätzten ihn. Jetzt werden sie ihn überschätzen.

Sie werden sich einfach sauwohl fühlen bei ihm, es ist die gewohnte Liturgie der Hochliteratur, in die er nach Verlassen munterer Niederungen einschwenkt: eine kühle, klare Prosa, ohne Mätzchen, ohne Aufregung, ohne Brunst – realistische Schilderung jener Realität, die realer ist als die reale Realität: Traum, Alptraum, Märchen, genaues Modell dessen, was in der Wirklichkeit passiert, aber ohne deren verwirrende Schnörksel, Umwege, Unwahrscheinlichkeiten.

So entstehen keine lebendigen, runden Personen, die man mag oder auch nicht, die vielleicht sogar der Autor selber mag oder nicht mag – positive oder negative Helden, die illusionistische Grundvoraussetzung des realistischen Romans. Bei Fian gibt’s statt Personen nur wandelnde Schatten, eindrucksvolle, aber eben Schatten.

Und so entstehen auch keine Handlungen oder Schauplätze; gemalt wird eine böse Ikone städtischer Einsamkeit, Unbehaustheit und wie das alles heißt.

So was spannend zu machen – man liest das Romanchen in einem Zug –, dazu braucht’s Erzählfreude, Kunstverstand, Keime von Genialität. Das alles hat Fian. Er bleibt auf dem breitgetrampelten Königsweg der Moderne, dort aber schreitet er leichtfüßig, elegant und seiner gewiß. Ihm zu folgen ist reine Leselust.