Von Reinhard Baumgart

Groß war die Erwartung, ernüchternd ist mithin die Überraschung und Enttäuschung. Georges-Arthur Goldschmidt, im letzten Jahr ausgezeichnet mit dem Preis der Bestenliste des Südwestfunks und dem Geschwister-Scholl-Preis, hat nach „Ein Garten in Deutschland“ und „Die Absonderung“ die Geschichte seiner jüdischen Jugend in eine weitere literarische Variation getrieben, diesmal ehrgeizig, kunstvoll. Mit dem einzigen Gewinn zunächst, daß es mühselig ist, sich in das knappe Buch einzulesen. Seine Sprache, müde, melancholische Schleier entwerfend, scheint immer wieder zu umhüllen, zu entziehen, wovon geredet werden soll und was dann redselig lieber nur angedeutet – man möchte fast sagen: umschwiegen wird.

Es fällt schwer, mir jedenfalls, die Geduld und das Vertrauen zum Weiterlesen zu erhalten, wenn man auf der vierten Seite des Buches in ein Satzgebilde gerät wie dieses: „Dort hinten erstreckt sich vielleicht Hamburg, wo er geboren war, wo sie gekommen waren von sehr weit, sie hatten mit sich genommen das Pfeifen des Winds und jenen Ort, mag sein die Reling, an welche jemand die Hand gelegt hatte am Abschiedstag, als sich jählings das Wasser zeigte zwischen ...“ Was für ein unentwirrbares Geflecht aus sanft falschem Deutsch, verkrampft ungewöhnlicher Satzstellung und jenem Sing-Sang-Zauber, der sich Poetisierung verspricht von der Herstellung bedeutsamer Vagheit, der Nebel fingiert als Aura.

Aber, Zwischenfrage, was lesen wir da? Wirklich einen Text von Georges-Arthur Goldschmidt oder nicht vielmer dessen Verwandlung ins Idiom seines Übersetzers Peter Handke? Eine labyrinthische, eine kaum lösbare Frage (wie auch die andere: warum dieses Buch nicht, wie „Die Absonderung“, in Goldschmidts schönem originalen Deutsch geschrieben wurde?) Immerhin ist Goldschmidt Handkes treuester französischer Übersetzer, und dieser überträgt nun zum zweiten Mal ein Buch seines Alter ego in Frankreich: Die Intertextualität dieser Doppelgänger-Prosa könnte sich also mittlerweile ins Symbiotische gesteigert haben. Wenn Goldschmidt Landschaftsbilder in Sprache umsetzt und dabei in Seelenräume verwandelt – dann meint man die Handschrift des Salzburger Meisters aus Kärnten wiederzuerkennen.

Und doch bleibt eine gewaltige Differenz zwischen beiden: die Biographie, denn die kann kein Übersetzer seinem Autor entwenden. Von Goldschmidts Trauma nämlich, von der Emigration eines elfjährigen Kindes, das 1939 aus Hamburg in die Berge Savoyens gerät, von der Lebensrettung und zugleich Lebensvernichtung im Versteck eines Kinderheims und auf Bauernhöfen, davon handelt, wie die 1991 erschienene „Absonderung“, auch das neue Buch.

„Handelt“ allerdings scheint für das hier angestrengte poetische Verfahren eine denkbar nichtssagende, wenn nicht falsche Phrase. Nur ansatzweise will Goldschmidt diesmal erzählen. Sobald etwas wie eine Szene, wie Handlung, Zusammenhang, Kontinuität zu entstehen droht, bricht der Text ab, springt hinüber in andere Zusammenhänge, Szenen. Auch Gesichter, Figuren bleiben undeutlich, schemenhaft. Chronologie wird durch Zeitsprünge verwischt. Nur Bilder rufen der Autor und sein Text auf, und die können, sollen jederzeit aus dem Rahmen hinüberkippen in andere Bilder. Das aber geschieht keineswegs mit der Unwillkürlichkeit des Träumens, nicht einmal in der assoziativen Logik der Erinnerung, sondern planvoll, kalkuliert. Als hätte Goldschmidt seine Erfahrungen nun so gründlich verstanden, daß er sie uns als sein eigener Interpret vorlesen möchte, in einer fast dekonstruktivistischen Lektüre, die Motive durcheinanderwirbelnd.

Ein Kind – das ist das Zentrum dieser hier aufgerufenen und virtuos ineinandergeblendeten Schreckensmotive – soll sich wegducken bis zur Unkenntlichkeit. Es ist im schmerzhaftesten Wortsinn ein Fremdkörper, für die Erzieher, die Mitschüler, unter den Bauern. Überall also sucht die melancholische Imagination dieses einsamen Wesens nach Möglichkeiten des Verschwindens. Es möchte auffliegen in die Weite der Landschaften, untergehen im Erdreich, in Wänden, sich verwandeln in ein stummes, nützliches Ding, eine Couch werden zum Beispiel: „lang und weich, unverrückbar seine eigene Form, und andere setzen sich auf einen, zu zweit oder zu dritt, Seite an Seite, schwarze Wärme, unter der man nur noch Reglosigkeit war“.