Das Alter ist ein Schreckgespenst. Denn da geht’s mit uns bergab. Klapprig wird man und gebrechlich, starrköpfig und verkalkt. Alzheimer und Parkinson, Gicht und Grauer Star: Alt, das ist soviel wie krank.

Nicht nur jeden einzelnen trifft’s: Unsere gesamte Gesellschaft vergreist. Ein Rentnerberg türmt sich auf und lastet schwer auf viel zu wenigen jungen Schultern. Wer soll denn nur die Renten zahlen? Droht da nicht ein Krieg zwischen den Generationen? Schieben wir nicht schon jetzt unsere Alten einfach ab in triste Pflegeheime, während sie früher im Schoße der Großfamilie würdig und hoch geachtet ihren wohlverdienten Lebensabend genießen konnten?

Falsch, alles falsch. Vorurteile, Fehlurteile. Das lehrt die Lektüre eines Forschungsberichts, den die Akademie der Wissenschaften zu Berlin veröffentlicht hat. „Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung“, so der spröde Titel des 814seitigen Werks. Die noch vergleichsweise junge Aiternsforschung faßt darin die Ergebnisse ihres äußerst vielfältigen Arbeitsgebiets zusammen.

Nicht einfach nur interdisziplinär, nein transdisziplinär wollten sich die Herausgeber des Bandes ihrem Thema nähern. Der Berliner Psychologe Paul B. Baltes und der Philosoph Jürgen Mittelstraß aus Konstanz baten deshalb die „jeweils Besten ihres Fachs“ um Beiträge. Die Aiternsforschung sollte ausbrechen aus dem traurigen Ghetto der Medizin und sich auch in anderen akademischen Zünften gebührende Achtung verschaffen. Biologen und Soziologen, Anthropologen und Historiker, Ökonomen und Juristen zeichnen ein Bild des Alters und des Alterns, das in vielem überrascht.

Altern, so der Tenor vieler Aufsätze, nimmt keineswegs einen generellen, unveränderlichen Verlauf. Oft genug geht’s auch bergauf. Leistungen des Gehirns, wie sie mit Intelligenztests meßbar sind, lassen sich auch im hohen Alter noch steigern. Einige Bereiche der Intelligenz erreichen sogar höchstes Niveau: Der Umgang mit beruflichem Spezialwissen etwa oder jene Fertigkeiten, die gemeinhin als Lebensweisheit umschrieben werden. Geistig wie körperlich ist der oder die „rüstige Alte“ eher die Regel denn die Ausnahme.

Die großen Potentiale der Alten, klagen die amerikanischen Soziologen Matilda und John Riley, werden von unserer Gesellschaft einfach vergessen und verschenkt. Halbtagsstellen etwa, in denen Menschen über sechzig sinnvoll Wissen und Erfahrungen anwenden und weitergeben könnten, gibt es nicht.

Daß Alte fälschlich nur als untragbare Last gelten für Krankenversicherung und Rentenkassen, prangert die elfköpfige Arbeitsgruppe der Berliner Akademie in einem gemeinsamen Aufsatz an. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen habe ganz andere Ursachen. Die Preise für Medikamente und medizinisches High-Tech sowie die Arzthonorare seien in die Höhe geschossen, nicht die Zahl alter Patienten. Auch bei den Renten warnen die Experten vor Panikmache: Dank des steten Zustroms von Einwanderern wird es auch in Zukunft genügend Beitragszahler geben.