Von Robin Detje

Von dem Machandelbaum“ erzählt eines der niederdeutschen Märchen der Gebrüder Grimm: Eine Mutter schlägt ihrem Stiefsohn den Kopf ab, schiebt die Tat ihrer eigenen Tochter unter, zerhackt den Jungen und verfüttert ihn als Suppenfleisch an den nichtsahnenden Vater. Die Tochter aber begräbt die abgenagten Knochen ihres Brüderchens unter einem Machandelbaum, dem sogleich ein lustiges Vögelchen entspringt. „Mein Mutter, der mich schlacht“, singt der Vogel, „mein Vater, der mich aß, / mein Schwester, der Marlenichen / sucht alle meine Benichen, / bind’t sie in ein seiden Tuch, / legts unter den Machandelbaum. / Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!“

„Kiwitt, kiwitt“, singt auch die Hauptfigur des neuen Romans von Friedrich Christian Delius, „was für ein schöner Vogel bin ich!“ Mit diesem Buch, der „Himmelfahrt eines Staatsfeindes“, beschließt Delius seine Trilogie über das Jahr 1977. Mit dem Roman „Ein Held der inneren Sicherheit“ hatte er sie 1981 begonnen, mit „Mogadischu Fensterplatz“ 1987 fortgesetzt, um sie 1991 mit der Erzählung „Die Birnen von Ribbeck“ zu unterbrechen, einem literarisch verbrämten Aufruf zur Gründung von Komitees für Gerechtigkeit.

Nachdem sich die beiden ersten Bände mit Nebenfiguren beschäftigt haben – einem Assistenten des entführten „Menschenführers“ Alfred Büttinger; einer Geisel im entführten Lufthansa-Jet –, begibt sich Delius nun ins Zentrum der Krise. Sein Held und „schöner Vogel“, dieses märchenhafte, von den eigenen Eltern unschuldig geschlachtete und aufgefressene Kind, ist der Terrorist Andreas Baader.

Bei Delius heißt Baader Sigurd Nagel; der Vorname halb nordisch-mythischer Held, halb Comicfigur, der Nachname spitz zustoßendes Eisen. Das Buch fängt gut an: Wie ein Volksfest wird in Wiesbaden, der Heimatstadt des Bundeskriminalamtes, das Begräbnis dreier toter Terroristen gefeiert. „Schmissige Takte“ eines Polizeiorchesters, „herrische Kamerateams“ und „die höchsten Reliquien des Terrors“ auf roten Ordenskissen – zwei Pistolen, ein Elektrokabel – begleiten die Särge von Sigurd Nagel, Elisabeth Jeschke (sprich: Gudrun Ensslin) und Rainer Wollzeck (Jan-Carl Raspe). Alles, was deutsch ist, säumt die Straßen: schlesische Folkloregruppen, Wurftaubenschützen und schwarz vermummte Sympathisanten (gespielt von Wiener Schauspielschülern). Alle sind angetreten zur letzten bier- und sektseligen Umarmung ihrer Lieblingsfeinde (oder -freunde). Im Tod hört alle Feindschaft auf; vom Spruchband in der Halle des Hauptbahnhofs leuchtet es: „WIESBADEN BEGRÜSST SEINE TERRORISTEN“.

Baader/Nagel aber, längst ein Märchenvogel, „aufwärts fallend“, schwimmt durch die Wolken und nimmt Abschied: „Adieu mein Land, das mir nicht gehört und niemals gehören wird: dickwandige Partykeller, die in die Nässe der Äcker und sauren Wiesen eingebunkert sind, und daneben die verstopften Autobahnen ...“

Im Haß auf Deutschland fühlt Friedrich Christian Delius sich wohl. Der Spott seines großmäuligen, fliegenden Helden, der sich im Augenblick des Todes dieses spaßige Begräbnis ausmalt, kennt weder Punkt noch Komma; nur Doppelpunkte, durch deren „Tore“ es den Terroristen auf der letzten Seite des Buches „hinauf, ins Tal einer heiteren Helligkeit“ zieht.