Von Dieter Langewiesche

Revolutionen erfüllen nicht die Hoffnungen der Revolutionäre. Einige werden eingelöst, manche Folgen dagegen nicht einmal in den schlimmsten Träumen vorausgeahnt – diese historische Binsenwahrheit erleben zur Zeit erneut die Menschen in den Gebieten des ehemaligen Sowjetimperiums. Dessen Zusammenbruch bestätigt eine Grunderfahrung der europäischen Revolutionswelle von 1848: Die Auflösung eines supranationalen Großreiches läßt alte nationale Konflikte sichtbar werden und treibt blutige Auseinandersetzungen hervor, in denen sich jede Seite als Überzeugungstäter im Namen der Freiheit fühlt.

Nur in Frankreich, dem von niemandem in Frage gestellten Nationalstaat, beschränkten sich die Revolutionäre von 1848 auf den Versuch, die eigene Gesellschaft zu demokratisieren. Überall sonst verbanden sich unauflösbar die Forderungen nach innerer Freiheit und nach nationaler Selbstbestimmung. Dieser revolutionäre Wille zum freiheitlichen Nationalstaat erwies sich als ein politisch hochbrisantes Gemisch. Denn der Traum vom europäischen Völkerfrühling, den die Menschen zu Beginn der Revolution in zahllosen Reden und Bildern feierten, zerstob rasch, als die Gebietsforderungen der nationalen Revolutionsbewegungen aufeinanderprallten.

Am explosivsten geschah dies im Machtbereich der habsburgischen Monarchie. Ihre Zugehörigkeit zum Deutschen Bund wurde zum Kernproblem einer nationalstaatlichen Neuordnung Deutschlands, und ihre oberitalienischen Besitzungen galten der italienischen Revolutionsbewegung als Bollwerke einer verwerflichen Fremdherrschaft. Deshalb entwickelte sich die italienische Revolution zwangsläufig zum Nationalkrieg gegen Habsburg. Deutschland blieb von einem solchen Krieg verschont, weil sich der preußische König weigerte, den von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen kleindeutschen Nationalstaat militärisch gegen Österreich zu exekutieren. Denn freiwillig hätte sich die traditionelle deutsche Vormacht ebensowenig aus Deutschland wie aus Italien zurückgezogen. Als der Preuße die Kaiserkrone des Revolutionsparlamentes ablehnte, vernichtete er das Reformwerk der Revolution – und rettete den Frieden.

Erschüttert wurde die Habsburger Monarchie aber nicht nur von der deutschen und der italienischen Revolutionsbewegung. Auch die vielen anderen Nationalitäten, die unter ihrem Dach lebten, verlangten mehr Freiheit. Das hieß damals zugleich: mehr nationale Selbstbestimmung, möglichst einen eigenen Staat. Klare nationalstaatliche Grenzen verhinderten aber die nationalen Gemengelagen Südosteuropas. Dieses Dilemma vermochten die Revolutionen von 1848 nicht friedlich zu lösen – ebensowenig wie die Versailler Friedensordnung am Ende des Ersten Weltkrieges und die kommunistische Neuordnung, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorging. Wenn Freiheitsaufbrüche die staatlichen Zwangsklammern sprengten, brachen stets auch die alten nationalen Konflikte hervor. Das war 1848 so, und es ist heute wieder so. Damals mußte als Preis für die nationalen Rivalitäten die eben erst erworbene Freiheit gezahlt werden.

Die schweren Nationalitätenkonflikte von 1848/49 spricht Roger Price zwar an, doch in den Mittelpunkt rückt er die inneren Entwicklungen in den europäischen Revolutionszentren. Als das englische Original abgeschlossen wurde – es erschien 1988 –, wußte der Autor noch nichts von der Wiederkehr der blutigen Kämpfe um nationale Autonomie. Und auch noch nichts davon, wie das Geschehen der letzten Jahre unsere Vorstellungen von Revolution erweitern würde. Ob die friedliche Revolution der Gespräche und der Straße, deren Zeugen wir geworden sind, dazu nötigen wird, auch die Revolutionen der Vergangenheit neu zu bewerten, bleibt abzuwarten. Möglicherweise blicken künftig Historiker auf die früheren Reformer in revolutionären Zeiten mit größerem Verständnis, als dies bislang geschah.

Price plagt sich und die Leser nicht mit Revolutionsbegriffen. Er erläutert zunächst die sozialen und politischen Krisen, aus denen die Triebkräfte der Revolutionen hervorgingen. Dann stellt er die zentralen Entwicklungen und Konflikte in den einzelnen Staaten und die Kräfte der Gegenrevolution vor. Daß die Übersetzung stets von den deutschen „Separatstaaten“ spricht, wenn die einzelnen deutschen Staaten gemeint sind, paßt nicht zum föderativen Grundmuster der deutschen Geschichte. Deren Maßstab kann nicht der Nationalstaat sein, den es erst seit gut einem Jahrhundert gibt. Wer sich zu einer Föderation von Einzelstaaten bekannte, war kein Separatist.