Von Volker Reinhardt

Das schroffe "Entweder-Oder", das der Titel suggeriert und an zwei scheinbar unversöhnlichen Antipoden klassischer Historiographie des 19. Jahrhunderts, an Leopold von Ranke und Jacob Burckhardt, festmacht, hat Felix Gilbert, der 1991 gestorbene Historiker, der lange an der Universität Princeton lehrte, in eigener Berufspraxis in ein fruchtbares "Sowohl-Als-auch" aufzulösen vermocht. Ist seine bald dreißigjährige, doch bis heute aktuelle Studie zu Machiavelli und Guicciardini Kulturgeschichte des konzertanten Typus, so ist, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, sein nur an Umfang schmales Alterswerk über Papst Julius II., seinen Bankier Agostino Chigi und Venedig ein narrativ angelegtes, mit positivistischer Detailbesessenheit und archivalischer Gründlichkeit vorgehendes Paradestück, das in einer verblüffenden Momentaufnahme aus den Jahren 1509 bis 1512 zeigt, wie es eigentlich war.

So ist es auch kein Wunder, daß im sechsten und letzten der in diesem Buch vereinten Essays die beiden für konträre Methoden stehenden Protagonisten mehr gemeinsame Wesenszüge aufweisen, als ihnen gemeinhin zugebilligt werden. Diese partielle Annäherung ist mit strenger Symmetrie in einer zu den Grundproblemen der Historiographie am Beginn des 19. Jahrhunderts hinleitenden Introduktion und zweimal zwei Betrachtungen zu Ranke und Burckhardt als Historiker vorbereitet worden, die trotz einiger thematischer Wiederholungen solide miteinander verzahnt sind. Ranke wird in der Schluß-Synthese vom Vorwurf des Fakten-Registrierens um ihrer selbst willen, des Aneinanderreihens von Haupt- und Staatsaktionen, der Reduzierung von Historie auf Völker-Ringen freigesprochen und als ein formidabler Kulturgeschichtler im Nebenberuf freigelegt – für jeden aufmerksamen Leser Rankescher Hauptwerke, etwa der Geschichten der romanischen und germanischen Völker, der römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten oder glanzvoller biographischer Skizzen, zum Beispiel Savonarolas, nicht eben eine neue Erkenntnis.

Auf der anderen Seite tritt uns Burckhardt, der Schweizer agnostische Kulturpessimist mit dem feinsten Gespür für die Irrwege und die Pervertierungskraft der Macht, in manchem als ein verlorener Bruder im Geiste des großen preußischen Polyhistors entgegen, der in den großen Augenblicken der Historie die lenkende Hand des Allmächtigen über den Akteuren ortete und, trotz aller Bewertung und Wertschätzung der Epoche aus ihrem eigenen Geist, Europa aufsteigen sah zu stetig geläuterten staatlichen Institutionen und einem fruchtbaren politisch-kulturellen Miteinander seiner Völker. Als beiden gemeinsame Geisteshaltungen macht Gilbert über revolutionsfeindliche konservative Grundhaltungen hinaus die Ablehnung des seelenlos-mechanischen Machtstaates und seines Apparates, die globale universalhistorische Warte, die Hochschätzung des gewachsenen gesamteuropäischen Erbes, den literarischen Anspruch des Werkes und dessen Bemühen um plastisch-brillante Transparenz fest.

Entstanden ist eine unprätentiöse Einführung in zwei Geschichts- und Weltentwürfe, die kaum umstürzend neue Einsichten, dafür aber zwei Historikerprofile in Miniaturform, nach dem Leben gezeichnet, vermittelt. Diese Verbindung von Vita und Werk ist freilich im Falle des Basler Ordinarius, der dem Gilbertschen Kopf und Herzen entschieden nähersteht, sehr viel eindringlicher geraten. Gilbert begnügt sich nicht, wie so viele Abhandlungen zur Burckhardtschen Kulturgeschichte, damit, Wesen und Problematik des in der "Kultur der Renaissance in Italien" entfalteten Individualitäts- und Modernitätskonzepts zu umreißen, sondern deutet dieses Werk als Gegenentwurf zur eigenen Zeit, genährt aus lebensgeschichtlicher Frustration, politischem Konservatismus, philosophischer Desillusionierung und ästhetischer Abwehr gegen Massenzeitalter und Massenkunst. Selten ist die Ambivalenz des Burckhardtschen Blicks auf die (Kultur-)Geschichte, ihre biographische Einbettung und Verquickung mit einer sich schrittweise herausbildenden, an der Antike geschulten normativen Ästhetik und einer wissenschaftlichen Methodik, die Kulturgeschichte zunehmend auf Lebensäußerungen der Eliten verkürzt, prägnanter beschrieben worden. Dem Leser bleibt es allerdings selbst überlassen, die Verbreitung und Vulgarisierung dieses Renaissance-Bildes zu erklären, das in der Folgezeit zu einer um die Burckhardtsche Macht-Skepsis verkürzten Verherrlichung der humanité brute und des Herrenmenschentums verkam.

Demgegenüber fällt das Ranke-Portrait, welches das auf die großen Zusammenhänge zielende Erkenntnisinteresse, die narrative Raffinesse und den literarischen Anspruch hervorhebt, bedeutend blasser aus. Und eine wissenschaftliche Sternstunde wird nicht eingeläutet: Bekanntlich ist Rankes großem Erstlingswerk, den Geschichten der romanischen und germanischen Völker, der später zum Zunftreglement erhobene Bekenntnissatz vorangestellt, bloß zu sagen (später hieß es: zu zeigen), wie es eigentlich gewesen. Dieser quellenkritische Ansatz, der nicht nur nach zeitlich-räumlicher Nähe der Chronisten zum Aufgeschriebenen sortiert, sondern nach Interesse und parteiisch färbender Perspektivik fragt, wird im zweiten Band durch Beurteilung bedeutender Quellen exemplifiziert. Dabei aber kommt es – eigentümlicher Geburtsfehler in der Geburtsstunde der Geschichtswissenschaft – zu Fehlurteilen über die beiden größten Geschichtsdenker der italienischen Renaissance: Schießt Rankes engagierte Ehrenrettung des Machiavelli übers Ziel hinaus, so ist Guicciardini, der Autor der "Storia d’Italia", vom Vorwurf der (Ver-)Fälschung – ein fundamentales Credo des deutschen Historismus – heute reingewaschen. Wer, wenn nicht Gilbert, der der Einleitung zur kritischen Ausgabe von Guicciardinis Hauptwerk den (auch zynisch auszulegenden) Grabspruch Machiavellis, daß einem solchen Namen kein Lob unangemessen sei, in hymnischer Absicht voranstellt, wer, wenn nicht er, hätte Ursachen und Verwicklungen dieses Mißgriffs klären können? So wurde eine Gelegenheit versäumt, und dennoch: ein gerade durch die Zurücknahme des Ego, den nichtemphatischen Ton, durch den Dienst am zu informierenden Leser, durch Schlichtheit im besten Sinne bestechendes Buch.

  • Felix Gilbert: