Von Ursula März

Am besten ist Hansjürgen Jasper, wenn er nicht nachdenkt. Instinktiv handelnd wächst er über seinen "deutschen Komplex" hinaus. Dann steht Hansjürgen Jasper in Viareggio in der Bar des Hotels, das "Palace- oder Plaza-, Palast- oder Park-Hotel" heißt, und singt. Hansjürgen Jasper kann sich nach dem nächsten Glas Asti Spumante noch steigern. Dann wiegt er sich auf dem Barhocker wie am Gipfel seiner Träume – der "deutsche Komplex" nun ein Klümpchen tief unten im Tal gemischter Nationalgefühle – und fragt tatsächlich. Ob sie, das italienische Barmädchen mit den "Spaghettibeinen" und dem "Ziegengesicht", ihm, dem verzückten Touristen, ob sie ihm nicht ihr... "Höschen" hieß es 1960... geben würde?

So gut ist Hansjürgen Jasper fast immer. Manchmal gibt Elisabeth Plessen ihm Denkaufgaben, die ihn als erzählerisches Transportmittel ein wenig überfrachten. Wenn er zwei und zwei, Weltkrieg und Wirtschaftswunder plus Wiedervereinigung und Fußballweltmeisterschaft, so zusammenrechnen muß, daß seine Geschichte als glatter Widerspruch aufgeht. Und in diesen – kurzen – Momenten ähnelt er leicht dem Schreckgespenst eines Kursbuch-Aufsatzes mit dem Titel "Das deutsche Problem". Aber Hansjürgen Jasper trägt auch ein literarisches Projekt auf seinen Schultern, das alles andere als klein und leicht ist.

In der Titelgeschichte ihres Erzählungenbandes "Lady Spaghetti" macht Elisabeth Plessen die Probe aufs Exempel: Wie nah kommt die Literatur an die Chronik der öffentlichen Ereignisse heran, ohne sich lächerlich zu machen; wie nah an den Nerv aktueller Geschichte, ohne aufzujaulen unter dem Schmerz injizierter Gesinnungen? Elisabeth Plessen scheut kein Risiko und versammelt alles, was derzeit deutsch und garantiert symbolisch ist. Der zeitliche Achsenpunkt der Erzählung ist der Abend des WM-Endspiels 1990, die Hinterbühne der erzählerischen Spielräume der Potsdamer Platz in Berlin. Das Leuchtzeichen am emblematischen Firmament aber ist der Stern von Mercedes-Benz.

Hansjürgen Jasper ist tüchtiger Erbe einer Mercedes-Generalvertretung, die der Vater in den fünfziger Jahren gegründet hat. Er zog mit dem Autohaus aus der Provinz nach Lübeck, als der Sprößling Hansjürgen noch die Tollheit besaß, eine aufgetragene Geschäftsreise nach Italien in eine unorthodoxe Souvenirjagd auf dem Barhocker zu verwandeln. Genau dreißig Jahre liegen zwischen dem frivolen Coup und Hansjürgen Jaspers Markt-Schimäre, der neuen großen "Niederlassung am Potsdamer Platz, im Zentrum Berlins, ein Areal von sechzigtausend Quadratmetern. Ein Dienstleistungszentrum – in zwei, in vier, in fünf Jahren?"

Hansjürgen Jasper trüge am Repräsentantentum, am Deutschsein schwer wie Atlas an der Welt und knickte als Erzählfigur darunter ein, hätte er nicht dieses federleichte Dings aus Spitze, fernem Duft und Nostalgie, diesen komischen Fetisch einer unterschlagenen Geschichte, dieses erstklassige Symbol, in der Hinterhand. Das Höschen aus Italien (Land der Freiheit) ist der Kobold der Erzählung, der auf dem Riesenstern aus Deutschland (Land der Notwendigkeit) rumturnt und sich nicht fangen läßt. Das Höschen bringt dem Holzschnitt Ironie, dem Schema die Groteske bei.

Dreißig Jahre hat Jasper das Dings durch die Geschichte geschmuggelt. Und jetzt, im Sommer 1990, als Deutschland den Glauben an sich selber predigt, unternimmt er eine Pilgerfahrt gen Süden, um die Reliquie, frisch gewaschen und in einem Kästchen verwahrt, zurückzubringen. Die sentimentale Erinnerungsfeier macht das kühle Zukunftskalkül verträglich. Die Nostalgie kompensiert das überstürzte Tempo gegenwärtiger Ereignisse. In Italien gehen die Uhren anders und im Takt eines stabilen Alltags. Alles ist noch, wie es war: das Hotel in Viareggio, die Bar im Hotel, "Lady Spaghetti" an der Bar. Das Mädchen ist eine Frau geworden, bedient die Gäste und macht Witze. "Lady Spaghetti" ist, als Hansjürgen Jasper das "rote Seidenunterhöschen" aus der Tasche zieht, keineswegs vom Blitz der Vergangenheit getroffen und vom Donner ihrer Wiederkehr gerührt. Sie reagiert genauso, wie sie vor dreißig Jahren das, Dings blitzschnell auszog und dem deutschen Spinner gab – spöttisch und gefaßt.