Von Heinrich August Winkler

Fast drei Jahrzehnte sind vergangen, seit Gerhard Schulz 1963 den ersten Band seines Werkes "Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik" vorlegte. Der Titel des Erstlings klang noch umständlich und gelehrt: "Die Periode der Konsolidierung und Revision des Bismarckschen Reichsaufbaus 1919-1930". Ein knappes Vierteljahrhundert später, im Jahr 1987, folgte dann der zweite Band mit dem knappen Titel "Deutschland am Vorabend der Großen Krise". Der soeben erschienene, 1100 Seiten starke dritte Band "Von Brüning zu Hitler" ist der umfangreichste und inhaltlich gewichtigste, leider freilich auch der mit Abstand teuerste Teil der Trilogie: Der vom Verlag festgesetzte Ladenpreis von 398 Mark ist schlechthin horrend und dazu angetan, den individuellen Verkauf des Buches zu unterbinden.

In der Gemeinde der Weimarforscher gibt es wohl kaum einen, der Schulz, was die Kenntnis von Quellen und Literatur angeht, das Wasser reichen könnte. Der Tübinger Emeritus schöpft aus dem vollen, und mehr als irgend jemand sonst hat er dazu beigetragen, daß Archivalien in Gestalt von Editionen einem größeren Kreis von Fachleuten zugänglich wurden. Dafür zahlt der Autor jetzt ungewollt einen Preis: Das Material, auf das er sich stützt, ist den Experten, nicht zuletzt dank der Mühen von Schulz und seinen Mitarbeitern, zu einem beträchtlichen Teil bekannt. Mit Überraschungen kann der Verfasser infolgedessen nur im Detail aufwarten.

Zwischen dem ersten und dem dritten Band haben sich der wissenschaftliche Ansatz und die Interessen des Autors deutlich gewandelt. Das Buch von 1963 ist noch ganz der Innenpolitik, vorrangig dem Verhältnis von Reich und Ländern, gewidmet. Im mittleren Band von 1987 nehmen Wirtschaft und Außenpolitik bereits breiten Raum ein. Der abschließende dritte Teil ist von einer Gesamtgeschichte der Weimarer Republik in ihrer Auflösungsphase kaum mehr zu unterscheiden. In einem aber ist Schulz sich treu geblieben: Sein kollektiver Held ist das hohe Beamtentum. Der ideelle Gesamtweimarianer, wenn es ihn denn je gab, muß wohl ein Ministerialdirektor gewesen sein, der das Getümmel der Parteien kritisch beobachtete, seine eigenen Urteile in wohlabgewogenen Denkschriften zu Papier brachte und schließlich, verdienstvoll wie er war, zum Staatssekretär aufstieg.

In den Jahren von 1930 bis 1933, von denen Schulz’ dritter Band handelt, war die deutsche Bürokratie nahe daran, die herrschende Klasse zu sein. Zumindest war sie es mehr als jemals zuvor seit dem Untergang des Kaiserreichs und, bis zur Berufung von Papens "Kabinett der Barone" im Juni 1932, mehr als irgendeine andere soziale Gruppe neben ihr. Die Parteien mußten sich nach dem Scheitern der parlamentarischen Demokratie im Frühjahr 1930 wieder, wie einst in der konstitutionellen Monarchie, mit einem Platz im Vorhof der Macht begnügen. Der erste Kanzler eines Präsidialkabinetts, der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning, wählte seine engsten Berater vorzugsweise unter den leitenden Beamten der wichtigsten Ministerien aus. Mehr als einmal übernahmen, wenn sich geeignete Politiker nicht fanden, Staatssekretäre als kommissarische Minister die Leitung ihrer Ressorts.

Wer Geschichte aus der Perspektive der Verwaltung schreibt, kann dem Leser nur ein stark gefiltertes Bild der Wirklichkeit vermitteln. Schulz, ein Meister der Entdramatisierung, tut das. Referentenentwürfe, Memoranden und Eingaben sind für ihn gewissermaßen der Inbegriff alles Seienden, wichtiger jedenfalls als Ereignisse. Der "Preußenschlag" vom 20. Juli 1932 etwa, die staatsstreichartige Absetzung des geschäftsführenden Minderheitskabinetts des Sozialdemokraten Otto Braun durch Reichskanzler Franz von Papen, reduziert sich in diesem Band auf seine Vor- und Nachgeschichte; als Vorgang findet er nicht statt. Von der Atmosphäre des Bürgerkriegs im Sommer 1932 ahnt kaum etwas, wer nur dieses Buch liest. Das Elend der Arbeitslosen gerät bei Schulz zur statistischen Größe. Über die tief einschneidenden Auswirkungen der Notverordnung vom 14. Juni 1932 verliert er kein Wort.

Aber da gibt es auch die Glanzlichter der Darstellung. Die Portraits von Brüning und seinen Mitarbeitern gehören dazu, wobei einer der konservativsten Beamten, der Staatssekretär und spätere Reichsjustizminister Curt Joel, eine auffallend freundliche Wertung erfährt. Einfühlsam ist auch die knappe Skizze des Reichsbankpräsidenten Hans Luther, der insgeheim am Sinn seiner harten Deflationspolitik zweifelte, sich aber mit seinem noch rigideren Stellvertreter Dreyse nicht anlegen mochte.