Von A.M. Rosenthal

NEW YORK. – Jahrzehntelang erweckten führende westliche Politiker den Eindruck, die Welt habe von einem vereinten Deutschland nichts zu befürchten. Das war gelogen, und sie wußten es. Ihnen war klar, daß ein vereintes Deutschland, hineingezwängt in ein Europa, das noch immer auf der Suche nach seiner Zukunft ist, zur größten Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent werden würde.

Doch sie glaubten nicht, daß die Vereinigung jemals zustande käme. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Sowjetunion jemals die Kontrolle über Ostdeutschland verlöre und die Schreckensvision von einem einzigen Deutschland Realität werden könnte.

Als die Mauer fiel und sich Deutschland Hals über Kopf in die Wiedervereinigung stürzte, erwies sich der Westen als Gefangener seiner eigenen Scheinheiligkeit. Er hatte die Kontrolle über Geschwindigkeit und Form der Vereinigung verloren. Nun stand er da, mit einem aufgesetzten Lächeln und starr vor Schreck.

Ich habe Berge von Gedrucktem durchwühlt auf der Suche nach Worten, die in der Diskussion über Deutschlands Zukunft Platz finden sollten – wie Auschwitz, Rotterdam, Jude, Polen, Krematorien, Holocaust, Nazi. Ich konnte sie nicht finden.

Die Vergangenheit wurde vom Tisch gefegt – die Vergangenheit und die Diskussion über die Zukunft. Das Ziel, über beides zu sprechen, wäre nicht gewesen, die Vereinigung zu verhindern. Man sagte uns, dafür sei es zu spät. Nun stellt sich heraus, daß die meisten Deutschen gar nicht so erpicht darauf waren.

Doch der Westen hätte ruhig die eine oder andere Bedingung als Preis für die Anerkennung eines geeinten Deutschlands stellen sollen. Zum Beispiel, indem man jenen Ländern und Völkern, die Opfer des früheren Deutschlands waren – und noch sind –, das Recht zugesprochen hätte, sich gemeinsam über das neu vereinte Deutschland zu beraten. Oder die Schaffung eines internationalen Frühwarnsystems, um Anzeichen einer Kontrolle über Europas Wirtschaft und Politik durch ein einziges Land rechtzeitig zu erkennen.