Manfred Stolpe ist hart im Nehmen. Doch nun scheint die unendliche Geschichte seiner angeblich schuldhaften Verstrickung in das Machtnetz des Staates DDR Wirkung zu zeigen. Gehetzt von fein dosierter Raten-Enthüllung, sieht der einstige Konsistorialpräsident sich unablässig neuen Erklärungszwängen ausgesetzt. Zwar bleibt Stolpe seiner überzeugenden Verteidigungslinie treu – aber die Folgen überbeanspruchter Konzentration beginnen sich zu zeigen, beachtliche Formulierungsschwächen werden erkennbar...

Seit dem Abschuß Lothar de Maizières hätte Stolpe eigentlich wissen müssen, daß die Bereitschaft zum differenzierenden Diskurs in der ihm unvertrauten neuen Bundesrepublik nicht über- und die Sucht nach der Macht nicht unterschätzt werden darf. Die Hoffnung, für die Auseinandersetzung besser gewappnet zu sein als sein CDU-Kollege, erfüllte sich nur insofern, als Stolpe von seiner Partei ein reiches Maß an Solidarität erfährt...

Manfred Stolpe ist im Visier vieler. Er ist jenen ein Dorn im Auge, die ihr Interesse an der DDR erst nach ihrem Verschwinden entdeckt haben. Ihnen geht es um die Macht, weniger um Brandenburg und Ostdeutschland. Verdacht erregt Stolpe aber auch bei manch ostdeutschem Mitpolitiker, dem nicht eingehen will, daß jemand nach so vielen Jahren der Arbeit im Verborgenen noch zur offenen Demokratie taugt...

Schließlich ist da die vielfarbige Gruppe der Verbohrten und von der reinen Lehre Geblendeten, die, wie Rainer Eppelmann, im Helfer von damals heute einen lästigen Amtsinhaber sehen. Eine Gruppe kommt in diesem Machtkampf allerdings nicht vor: die Bürger von Brandenburg, die Wähler. Die Zeit ist reif, sie, die Wähler, an die Urne zu rufen.

Brandenburgs Verfassung bietet die Möglichkeit, Pro und Contra dem Urteil zu unterwerfen. CDU und SPD verfügen im Landtag über die notwendige Zweidrittelmehrheit, um eine Auflösung des Parlaments sowie Neuwahlen zu bewirken ...

Das Schicksal des politischen Programms, für das Stolpe zur Symbolfigur geworden ist, ist für die weitere Entwicklung der deutschen Einheit, für das Zusammenwachsen des tief geteilten Landes, viel zu wichtig, als daß den Rückwärtsgewandten das Feld überlassen werden darf. Und der politischen Kultur in Deutschland kann nur nützen, wenn ein ostdeutscher Ministerpräsident vorführt, wer in der parlamentarischen Demokratie das letzte Wort hat, wer der Souverän ist – nämlich das Volk.

Aus einem Leitartikel von Walther Stützle, erschienen am 28. 9. im Tagesspiegel, Berlin