Von Herfried Münkler

Daß die bürgerliche Gesellschaft an ihre Grenzen stoßen könne, mehr noch, daß sie an ihrer eigenen Dynamik zugrunde gehen werde, ist ein den meisten nicht gänzlich unvertrauter Gedanke, und Marx war keineswegs der einzige, der ihn gedacht hat. Daß viele, wenn sie mit dieser Vorstellung konfrontiert werden, gleichwohl als erstes an Marx denken, dürfte zwei Gründe haben: zunächst, weil dieser das Ende der bürgerlichen Gesellschaft als den Beginn der Entstehung einer klassenlosen Gesellschaft gedacht hat, und sodann, weil diese Alternative in den letzten Jahren ihre ebenso bescheidene wie definitive Grablege erfahren hat. Damit, so hat es den Anschein, ist Marx mitsamt seinen Diagnosen und Prognosen widerlegt.

Der Hamburger Soziologe Stefan Breuer hat nun – ganz gegen den Zeitgeist – die Marxsche Analyse der selbstzerstörerischen Kräfte in der Dynamik des Kapitalismus erneut bemüht, um unsere Gegenwart zu beschreiben, aber er hat dies in einer Weise getan, die im allgemeinen mit Marx’ Theorie nur selten in Verbindung gebracht wird. Breuer zufolge ist nämlich nicht Marxens Vorstellung von der klassenlosen Gesellschaft und der historischen Rolle des Proletariats als Wegbereiter dorthin das Bedeutungsvolle seiner Theorie, sondern dessen Analyse der Wirkung des Wertgesetzes, durch das schließlich alles miteinander vergleichbar und austauschbar wird. Nicht in der Sphäre der Arbeit, der Produktion, schließlich in deren gesellschaftlichem Träger, dem Proletariat, ist danach die Pointe der Marxschen Theorie aufzufinden, sondern in der Sphäre der Zirkulation, des gesellschaftlichen Austausches und der Vermittlung der Menschen und Gegenstände, also in der Bildung und Bestimmung des Wertes als Form der gesellschaftlichen Vermittlung.

Nun ist diese Lesart der Marxschen Theorie vielleicht nicht gänzlich neu, ist sie doch bereits in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, insbesondere im Werk Adornos anzutreffen, aber die Entschiedenheit, mit der sie von Breuer als Ausgangspunkt für eine Theorie nicht nur der kapitalistischen Gesellschaften des industrialisierten Nordens, sondern der Weltgesellschaft insgesamt gewählt wird, ist bemerkenswert und originell. Dabei hat Breuer durchaus kenntlich gemacht, in welch hohem Maße seine Überlegungen in der Tradition der Adornoschen (nicht der Horkheimerschen oder Habermasschen) Theorie stehen und diese weiterzuentwickeln bestrebt sind. Faßt man Breuers Arbeiten der letzten Jahre in ihrer Gesamtheit ins Auge, so wird man sagen können, daß hier – und zwar in klarem Gegensatz zu Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns – ein zweiter Strang der Fortführung der Kritischen Theorie entstanden ist.

Es ist eine alles andere als zuversichtlich anmutende Perspektive, zu der Breuer dabei gelangt: Die einmal in Gang gesetzten Kräfte, welche die dramatische Umgestaltung der Welt in den letzten zweihundert Jahren bewirkt haben, werden zuletzt die Vernichtung der Menschheit zur Folge haben, und diese Vernichtung wird durch nichts und niemanden aufzuhalten sein. Breuers Schlußfolgerungen erinnern in vieler Hinsicht an die Diagnosen, die Günther Anders in den fünfziger Jahren gestellt hat und die dann in den Achtzigern in den Reihen der Anti-AKW- und der Friedensbewegung erstmals breiter zur Kenntnis genommen worden sind – freilich mit der kleinen Veränderung, daß diese Bewegungen sich selbst in die bei Anders nicht vorgesehene Rolle des Aufhalters hineingedacht haben.

Sicherlich sind gewisse Nähen Breuers zu Anders erkennbar, aber die Begründung seiner Aussagen über die "Gesellschaft des Verschwindens" unterscheidet sich doch fundamental von denen Anders’ über die "Antiquiertheit des Menschen". Zielte dieser nämlich im Begriff des "prometheischen Gefälles" auf die Differenz zwischen der vervielfachten Macht des Menschen und seinen nach wie vor steinzeitlichen Wahrnehmungsweisen der Folgen von Gewaltanwendung, so bleibt Breuer zurückhaltend gegenüber solch anthropologischen Begründungen, die er im Verdacht hat, daß sie letzten Endes eher verharmlosend wirken und Illusionen produzieren. Was, Breuer zufolge, die gesellschaftliche Entwicklung statt dessen charakterisiert, ist gerade die zunehmende Marginalisierung solcher anthropologischen Konkretionen infolge der Wirkung des alle Konkretionen konsumierenden Wertgesetzes.

Die in der These der "Gesellschaft des Verschwindens" kulminierende Arbeit Breuers ist weniger empirischer als vielmehr theoretischer Art. Wer darin eine neue Variante politisch-soziologischer Diagnosen unseres Zusammenlebens sehen würde, wie sie in den letzten Jahren von der "Risiko"- bis zur "Erlebnisgesellschaft" verbreitet worden sind, sähe sich getäuscht. Wohl zieht Breuer auch empirisches Material an, aber dies hat für ihn eine eher illustrierende als theoriebegründende Funktion. Statt dessen begründet er seine Prognose auf der intensiven Auseinandersetzung mit mehr oder minder bekannten Theorien, die er auf die Stimmigkeit ihrer Konstruktion überprüft und deren Aussagen er miteinander kombiniert. Breuer folgt darin der Überzeugung, daß eine umfassende Theorie der Gesellschaft sich heute der gesellschaftlichen Phänomene aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge nicht mehr unmittelbar, sondern selbst nur noch theoretisch vermittelt zu nähern vermag.