Von Ulrich Schiller

Washington

Die Zeichen deuten auf eine politische Großwetterwende: Ein erdrutschähnlicher Wahlsieg des Gouverneurs von Arkansas, Bill Clinton, scheint weit wahrscheinlicher als die Wiederwahl von Präsident George Bush. Die Kriegskasse des Herausforderers ist praller und füllt sich schneller wieder auf als die des Titelverteidigers. Hollywood mit Barbara Streisand in der Spitzenbesetzung gab für Clinton ein glitzerndes und ertragreiches Fest. Ein Dinner für tausend Dollar pro Gedeck mit Clinton und Albert Gore bei Pamela Harriman, der Witwe des legendären Diplomaten Averal Harriman und Patronin des Establishments der Demokratischen Partei, war überbucht, desgleichen ein Ganztagsseminar mit Clinton-Beratern für zehntausend Dollar.

"Bush wird gefeuert", stand in einem Kommentar. Rund sechzig Prozent der Wähler bekunden seit Monaten, daß sie George Bush nicht ein zweites Mal ihre Stimme geben wollen. Der Kommentator der Los Angeles Times schreibt: "Es wäre eines der größten Comebacks in der Geschichte amerikanischer Politik, wenn Bush im November wiedergewählt würde." Auf einen Wahlsieg Clintons wetten heute Gesprächspartner unterschiedlichster Couleur; auf Bush setzt kaum noch jemand einen Cent. Könnte der Präsident die Schlacht doch noch gewinnen wie weiland "Zieten aus dem Busch"? David Binder von der New York Times wendet die Anspielung auf den legendären Reitergeneral hin und her, bis er die Antwort findet: "Aus diesem Bush kommt kein Zieten."

Freilich kann sich noch viel Unvorhergesehenes ereignen. Und es gibt beharrliche republikanische Wahlkämpfer. Mary Matalin, politische Direktorin im Bush-Hauptquartier, tröstet sich mit der diesmal besonders "sprunghaften und unbeständigen Wählerschaft", die man nur ausdauernd aufklären und bearbeiten müsse, um die bloß halbherzig zu Clinton entschwundenen Wechselwähler zurückzugewinnen. Andere hoffen inständig, daß Ross Perot, der texanische Milliardär, das Rennen als unabhängiger Kandidat wieder aufnehmen möge, weil er dann wenigstens eine neue Dynamik in den Endspurt bringe. Aber Clinton liegt in den Umfragen konstant mit zehn bis fünfzehn Prozent vorn. Vor allem Jungwähler laufen ihm zu und auch die Frauen. Eine "Geschlechterkluft", die sie nicht zu schließen wissen, beklagen die Wahlstrategen Bushs.

Der Präsident selber zeigt sich gegenwärtig, obwohl oft grau und abgespannt, von den Hiobsbotschaften am wenigsten beeindruckt. "Sie mögen es nicht glauben. Aber wir werden das Rennen gewinnen", sagte er Journalisten am Wochenende in seinem Eisenbahnwaggon. Wahlkampfreisen beleben ihn. Bis zum 3. November will er kaum mehr in Washington sein. Den Wahlkampf per Eisenbahn hat er von dem Demokraten Harry Truman abgekupfert. Auch Truman schien 1948 bereits geschlagen und schaffte doch noch den Sieg. Zur Zeit bereist George Bush hauptsächlich republikanische Stammlande. Das klingt verwunderlich, hängt aber damit zusammen, daß sich der Präsident, wenn es um die künftigen Wahlmännerstimmen und damit um die Schlußentscheidung geht, nur noch auf wenige Bundesstaaten wirklich verlassen kann. Der Fernsehsender ABC hat ermittelt, daß ihm von allen fünfzig Staaten nur noch einer wirklich sicher ist: der Mormonenstaat Utah.

Schwierigkeiten hat der Kandidat für eine zweite Amtszeit mit den Argumenten. Er kann nicht wie Ronald Reagan 1980 fragen: "Geht es euch heute besser als vor vier Jahren?" Damals, nach vier Jahren Jimmy Carter, erscholl ein lautes Nein. Diesmal würde es gleich tönen; allein die vergangenen vier Jahre hat eben Bush selber regiert. Wieder und wieder geben die Wähler zu Protokoll, daß sie die Vereinigten Staaten "auf dem falschen Gleis" glauben. Die Amtsführung dieses Präsidenten sei unbefriedigend. Das wichtigste für sie seien sichere Jobs. Und diesbezüglich versprechen sie sich von Clinton mehr.