Von Helmut Schödel

Unternehmen wir eine Gedankenreise. Alpträumen wir uns nach Tirol. Lernen wir, uns den Kofler vorzustellen. Er ist Bauer in Amlach. Sein Sohn Artur muß auf der Tenne über den Schweinen schlafen, seinen Vater hat er entmündigt und seine Frau in eine Todeskrankheit getrieben. Jetzt ist es Nacht, und der Kofler greift zur Axt. Niederhacken, Spalten, Umhauen – Amlach.

Der Kofler fällt in einer Nacht- und Nebelaktion eine Linde, den letzten Baum auf seinem Hof. Keiner soll mir entkommen, denkt Kofler, der den Selbstmord seiner dahinsiechenden Frau befürchtet. Er vergräbt auch noch die Stricke und schreit: „Jetzt ist sie uns sicher.“ Darauf Artur: „Kein Strick, keine Schnüre, kein Baum, aber du.“

Aber er, dieser Kofler: fast zwei Meter groß und mager. Bleich, aber mit stechendem Blick. Ein langer Dürrer, zäh, störrisch und wortkarg. In einem Bändchen der Edition Löwenzahn in Innsbruck werden Typen wie er satirisch beschrieben: „Fern von Europa. Tirol ohne Maske. Geschichten aus finsteren Breiten...“ Finster ist der Kofler, ein Bauer, so hart wie der Vater des Schriftstellers Innerhofer oder der Ackermann von Kärnten, den Josef Winkler beschrieben hat. Für Winkler, Innerhofer und Artur ist einer wie Koffer der Vater. Für uns war er bisher nur eine Heimatroman-Schranze, ein bäuerlicher Dämon aus einer vorindustriellen Welt. Ein fast mythischer Tyrann auf seinem Hof, seinen Wiesen und Feldern. Im linken Ohr trägt er vielleicht ein „Ohrflinserl“, das gegen Krankheit und böse Geister schützt. Zur Sonntagspfeife setzt er sich einen „Gamschbort“ aus langen Sauborsten auf. Er sticht die Schweine ab und massakriert die Familie, nicht nur die Männer, auch die Frauen. Das ist Kofler.

Wenn wir von der Menschheit reden, vergessen wir Kofler nicht. In der Steinzeit hat es begonnen, auf die Steinzeit läuft es hinaus. Wenn wir von Humanismus reden: Vergessen wir Kofler nicht! Kofler oder Sie glauben ja gar nicht, was alles human ist. Zutiefst menschlich: Kofler. Das lehren uns die Schriften des Innsbrucker Dichters Alois Hotschnig, in dessen erster Erzählung 1989 die Kofiers auftauchten. Großvater, Vater, Sohn. Titel: „Aus“.

„Aus“ war ein Schlußstrich unter die kritische Heimatliteratur Österreichs. Der Schriftsteller, der von Amlach erzählte (und von Dellach, dem nächstgrößeren Ort, wo der Pfarrer wohnt und der Friedhof ist), ist gar kein Waldbauernbub, kein Bewohner der Tennen und kein Knecht, sondern kommt aus bürgerlichen Verhältnissen, hat in Innsbruck ein paar Semester Medizin studiert, dann Germanistik, und absolvierte seinen Ersatzdienst als Rettungsfahrer. „Aus“ war kein autobiographischer Text. Kein Vater-Sohn-Konflikt wurde hier ausgetragen, keine Abrechnung mit der eigenen Herkunft. Amlach, das war nichts Spezielles, sondern das Theatrum mundi (mit Kofler als Protagonist). Die tiefste Provinz und die weite Welt und das ganze Leben waren in dieser Erzählung eins.

Unser Leben ist in Hotschnigs Texten der fünfte Akt von Etwas, von Anfang an ein blutiges Ende, in dem Täter und Opfer nie zu unterscheiden sind. Auch der junge Kofler ist kein Guter. Mit einer Spritze holt er den sterbenden Vater noch einmal ins Leben zurück. Er soll sich nicht davonmachen, ohne den Rachemonolog des Sohnes gehört zu haben. Diese Rache aber hat keine Moral und meint nicht nur den Vater, sondern die ganze Existenz. Gesprochen mit dem Bewußtsein der Totenköpfe, besteht sie aus erdigen Satzklumpen, hochfahrenden Metaphern und Tiradenresten. „Ich bin auch ein Täter geworden“, sagt der Sohn. „Zum Opfer erzogen, von dir, bin ich einer geworden. Wie du.“