Von Eckhard Roelcke

Der eine schimpft auf die amerikanische Gesellschaft, verbarrikadiert sich in einem Hochsicherheitstrakt-Studio, setzt sich an seinen Computer und komponiert. Der zweite hantiert mit einem banalen Kugelschreiber, denkt ans Gesamtkunstwerk – aber das Komponieren überläßt er einem anderen. Der dritte beschränkt sich auf sein Metier, findet ein Thema, ringt damit jahrelang, kämpft um jede Note und um die Uraufführung. Der vierte schließlich ist Bühnenbildner, kann aber auch inszenieren und choreographieren. Eine Oper aus dem 17. Jahrhundert collagiert er mit elektronischen Klängen zu einem (Musik-)Theater-Stück und vergißt dabei nicht, dem Opus einen schicken englischen Titel zu verpassen.

Frank Zappa, Jan Fabre, Walter Zimmermann, Michael Simon: vier Künstler, viermal neues Musiktheater. Aber: Nie war die Kategorie „neu“ so wertlos wie heute.

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Auftritt Frank Zappa, lässig und ein wenig schleppend, mit schwarzer Hose und schwarzem, schlabbrigem Jackett: Die Zuhörer jubeln. Ein gelber Hai, der aus einem Surfbrett ausgesägt ist und aus dessen Maul Blut zu tropfen scheint, wird mit allerlei Schwimmbewegungen quer über die Bühne getragen. Zappa beginnt zu dirigieren. Aber er gibt keinen Takt an, sondern zeigt nur musikalische Phrasen. Mit wenigen lockeren Bewegungen balanciert er den Klang aus, als säße er an den Reglern eines Mischpults. Die Musiker spielen kurze Soli zu Klängen aus Lautsprechern. Kurz darauf ist diese Ouvertüre vorüber, Zappa ruft den Dirigenten Peter Rundel und verschwindet.

Anschließend ist es fast wie in einem „normalen“ Konzert. Das Ensemble Modern spielt Werke von Frank Zappa, neue Kompositionen, aber auch „Klassiker“ wie „Uncle Meat“. Nur wenige Minuten dauert es, bis man sich daran gewöhnt hat, daß die Musik von Zappa auch ohne Rock-Sound funktioniert. Zwar fehlt die Kraft der „Mothers of Invention“, dafür werden jedoch ganz neue Qualitäten hörbar: feine kontrapunktische Linien, raffinierte Instrumentierungen, Melodien, die gesplittet und – auf einzelne Instrumente verteilt – wieder wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. In jedem dieser kleinen, unprätentiösen kammersymphonischen Jazzstücke, so scheint es, wird eine Geschichte, welche auch immer, erzählt.

„Wolle mer ’ne ’neilasse?“ ruft der Schlagzeuger plötzlich in ein Megaphon, und gleich darauf kommt Zappa, begleitet von einem Karnevalsmarsch, wieder ans Dirigentenpult. „Uncle Sam“ tritt auf mit Zylinder und Stars and Stripes an den Hosennähten. Er zitiert auf Englisch aus einem Formular, das man ausfüllen muß, wenn man in die USA einreisen will: „Leiden Sie an einer ansteckenden Krankheit?“ fragt er eine Dame in der ersten Reihe – und den über Zappas Gesundheit Informierten stockt der Atem. Aber „Food gathering in postindustrial America“ gerät „nur“ zu einem Stück instrumentalen Theaters. Eine Sprecherin berichtet von der verseuchten Welt und dem ungenießbaren Essen, die Musiker werfen knisternde Chipstüten in die Luft. Kurz darauf verlassen die Blechbläser ihre Plätze. Angelockt von Frank Zappa, der so tut, als wolle er sie füttern, kriechen sie in die Mitte der Bühne und grunzen in ihre Instrumente, die sie dicht über den Boden halten. Die Schalltrichter sehen aus wie Rüssel.