ERLANGEN. – "Am meisten Nerven kostet mich nicht eine schwierige Bürgerversammlung, sondern die Bürgersprechstunde", sagt Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg. "Da kommen zwanzig bis dreißig Menschen, die sich irgendwo festgefahren haben und nun im Rathaus die Lösung ihrer Probleme erwarten." Ganz oben steht dabei die Wohnungssuche, bei der OB Hahlweg wahre Wunderdinge bewirken soll; es folgen Probleme, die Deutsche mit Ausländern oder, umgekehrt, Ausländer in Deutschland haben. Viele Bürger gehen auch in die Sprechstunde, um mal mit ihrem OB nett zu plaudern und ihm, so im Gespräch von Mensch zu Mensch, allerlei Neues zu berichten. Ob er schon gehört habe, daß an der Glas-Sammelstelle im Osten der Stadt ("Sie wissen schon, welche") immer wieder Hausmüll abgeladen werde? Und ob er nicht etwas gegen den Verkehr in der Wohnstraße am Theaterplatz unternehmen könne? In solcher Not rufen einige auch schon mal bei Frau Hahlweg an: Sie als Ehefrau des OB und gelernte Apothekerin müsse ihnen doch weiterhelfen können! Erfahrungen wie sein Pforzheimer Kollege Joachim Becker durfte Hahlweg ebenfalls machen: Becker hat vor kurzem berichtet, daß er zu Hause angerufen werde, wenn eine Toilette verstopft oder jemandem anderen am Wochenende das Bargeld ausgegangen sei. Der OB als Ersatz-Mutti. Wenn er murrt, wird er abgewählt, ganz einfach.

Die Lust, etwas gestalten zu können

Es hat trotzdem nichts mit Bürgerverdrossenheit des Politikers Dietmar Hahlweg zu tun, wenn er nur zögernd sagt, die Politik mache ihm auch nach seinem zwanzigsten Dienstjahr noch "Spaß". Fast klingt es wie eine Durchhalteparole. Der 57jährige, der als eher dünnhäutig gilt, verspürt eine eigenartige Mischung aus Politikbesessenheit ("Das erfaßt einen mit Haut und Haar") und Amtsmüdigkeit. Sicher, da ist die Lust daran, "etwas gestalten zu können", wie Hahlweg das Wort "Macht" vornehm umschreibt, die Genugtuung, als einer der dienstältesten Oberbürgermeister in Bayern an der Spitze der "kleinen Großstadt" Erlangen zu stehen, und da ist nicht zuletzt der Stolz auf Funktionen wie den Vorsitz im Umweltausschuß des Deutschen Städtetages.

Auf der anderen Seite aber steht ein Arbeitstag, der oft schon um 7 Uhr beginnt und selten vor 23 Uhr endet. Die Wochenenden sind ausgefüllt mit Vorträgen, Veranstaltungseröffnungen, Einweihungen, Brauereifesten oder Manuskriptentwürfen zu kommunalpolitischen Themen. Der Familie gefällt das nicht besonders.

Hinzu kommt das ausgeprägte Harmoniebedürfnis des gebürtigen Schlesiers, das vieles leichter, manches aber auch schwerer macht. So hat der Sozialdemokrat Hahlweg mächtig Krach mit seiner Partei bekommen, als er der früher oppositionellen CSU ein Bürgermeisteramt und mehrere Referentenstellen anbot. Inzwischen hat es der Konsenspolitiker geschafft, daß Erlangen de facto von einer Viel-Parteien-Koalition regiert wird, ohne daß diese je offiziell beschlossen worden wäre.

Für den promovierten Juristen ist also alles in Butter, könnte man meinen, wäre da nicht in jüngster Zeit verstärkt Erlangens Ruf als ökologische Vorzeige-Stadt in Gefahr. Der Lorbeer beginnt zu welken – und es sieht nicht so aus, als könnte sich Dietmar Hahlweg dieser Entwicklung wirkungsvoll entgegenstellen.

Vorbei sind die Zeiten, als Erlangen mit seinem gut ausgebauten Radwegenetz, dem weitreichenden Landschaftsschutz, 30 000 neu angepflanzten Bäumen, Wohnstraßenkonzepten und Innenhofbegrünung als grüner Musterknabe galt und Signalwirkung für andere Kommunen hatte. Sogar in Japanisch und Koreanisch wurden die bunten Öko-Broschüren nachgedruckt. Aus nah und fern strömten die Fachleute in die mittelfränkische Universitätsstadt. Da sahen sie dann wie in einem Werbespot, den OB ins Rathaus radeln. Nicht einmal der Ärger über das Glatteis im Winter, weil die Stadt partout kein Salz streuen wollte, trübte das positive Bild. 1990 und 1991 bekam Erlangen hintereinander den Titel "Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz" verliehen. Eng verbunden war diese Politik stets mit dem Oberbürgermeister, der 1972 die SPD an die Macht gebracht hatte.