Von Thomas Schmid

Vor ein paar Jahren war der Osten noch ein Wunderland: karg, aber ein Wunderland. Weil er fern, weil er zurückgeblieben und weil er durch die Ordnung von Jalta in sicherer Distanz weggeschlossen war, eignete er sich so gut für Projektionen aller Art. Er war unser Zoo des Traditionalen und „Eigentlichen“. Wofür im Westen kein Platz mehr war, das schien es dort noch in Hülle und Fülle zu geben: Nähe, Solidarität, Überschaubarkeit. Unseren abgespalteten Bedürfnissen nach derlei ließen wir im imaginären Raum des Ostens freien Lauf.

Es gab verschiedene Varianten solchen Projektierens. Zu den häßlichen gehörte die Verklärung der Literatur aus den sozialistischen Ländern durch Leute, für die der grausame Status quo der Ordnung von Jalta nie ein Problem war. Zu den einsichtigen gehörte die tastende und nicht selten sehnsüchtige Rede von einem bunten Reich der vielen Kulturen, das vielleicht nur in einem langen Schlaf liege: von Mitteleuropa. Nicht Friedrich Naumanns koloniale Konzeption von einem Mitteleuropa, das Knetmasse der entwickelteren Nationen sein sollte, war gemeint. Es ging vielmehr um ein Mitteleuropa des Geistes, um einen Raum, in dem die Kulturen sich kreuzten und vermischten, in dem eine verwirrende ethnische wie sprachliche Vielfalt herrschte und die Koexistenz der Kulturen einmal möglich war; es ging um die Vision einer lebendigen, widerständigen Peripherie, die – wie man hoffte – den Zentren des Fortschritts an Ironie und Weisheit überlegen sein konnte.

Diese Vision – die insbesondere in Italien, etwa von Claudio Magris, beschworen wurde – bekam seit der Mitte der achtziger Jahre neuen Auftrieb durch die literarischen Protagonisten der milden, abgeklärten Dissidenz, die den Begriff „Mitteleuropa“ zwar nur selten in den Mund nahmen, ihn aber zu meinen schienen. Und dann schließlich: die überaus zivile, scheinbar kaum von Haß getragene Beseitigung gleich mehrerer Regime, der Heizer als Außenminister und der Dichter als Präsident. Die Laterna magica in Prag, in hymnischer Kühle von dem Briten Timothy Garton Ash beschrieben, schien die Wiege einer neuen Zivilität und einer Demokratie zu sein, die nicht mehr die plumpen Züge unserer Parteien- und Verbändeherrschaft tragen würde. Das ausgepowerte Mitteleuropa würde den Schutt der Fremdbestimmung wegräumen, würde zu sich selbst und zu seinen Wurzeln finden und den Westen lehren, wie der Demokratie Flügel wachsen können.

Diese Träume sind ausgeträumt, mit rasender Geschwindigkeit ist Mitteleuropa von einem Raum der großen Hoffnung zu einem der Ängste und Alpträume geworden. Wie also geht beides zusammen? Welches Mitteleuropa ist das wahre – das der Träume oder das der Alpträume? Und vor allem: Was eigentlich ist Mitteleuropa, wenn man den Schleier westlicher Projektionen wegzieht?

Es scheinen mir Fragen dieser Art zu sein, auf die Karl-Markus Gauß, Autor verschiedener Bücher über Mitteleuropa, mit seinem neuen Buch eine komplexe und mit Absicht uneindeutige Antwort zu geben versucht. „Das Buch der Ränder“ ist eine Anthologie, die – eingeleitet durch einen knappen und fulminanten Essay – literarische und einige essayistische Texte von mitteleuropäischen Autorinnen und Autoren aus den letzten fünfzig Jahren versammelt. Mitteleuropa, einstmals unbestreitbar eine kulturelle Realität, hat keine festen Grenzen, und gerade das machte ja das Besondere dieses zerklüfteten Raums aus, der aus lauter Peripherien bestand. So kommt ein vielstimmiges Konzert zustande: Böhmen, Mähren, Istrien, die Vojvodina, das Banat, Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Bosnien, die Slowakei, Albanien – und das alles mehrfach gebrochen, weil in Mitteleuropa ethnische und staatliche Grenzen nirgendwo zusammenfallen.

Der Herausgeber hat sich mit diesem Buch auf ein prekäres und leicht angreifbares Unternehmen eingelassen. Denn sein Interesse ist ein gespaltenes: ein literarisches und ein politisches. Beides möchte er zusammenbringen. Politisch zieht er gegen die westeuropäische Ignoranz zu Felde, die in Mitteleuropa eine Zone der Rückständigkeit, der immer drohenden Barbarei und eine Quantité négligeable sieht; und erhärten will er dies, indem er in einer breiten Palette die literarische Vielfalt Mitteleuropas vorführt. In gewisser Weise läßt er die Literatur Mitteleuropas aufmarschieren, um ex positivo Zeugnis abzulegen von einer großen Ungerechtigkeit: von der Selbstzufriedenheit des europäischen Westens, der Mitteleuropa – durchaus in der Tradition kolonialer Rücksichtslosigkeit – stets mißachtet habe. Dagegen möchte Gauß den Reichtum mitteleuropäischer Literatur in Anschlag bringen – wobei er leider immer wieder in einen aufgeregt-anklagenden Ton verfällt und seinem Schützling nur dadurch zu seinem Recht verhelfen zu können meint, daß er ihn nicht als Gleichberechtigten, sondern als dem europäischen Westen Überlegenen darstellt.