Von Harry Pross

Seit siebzig Jahren erscheint Foreign Affairs in New York. Die für den Herbst geplante Jubiläumsausgabe liegt dem Berichterstatter noch nicht vor; aber die vor den Präsidentenwahlen übliche Positionsbeschreibung findet sich im Sommerheft (Vol.71, No 3). Sie zur Kenntnis zu nehmen ist jedesmal interessant, weil über den Herausgeber, Council on Foreign Relations, gelegentlich außenpolitische Konzepte in die Öffentlichkeit kommen, die dann mehr oder weniger die Linien bestimmen. Man erinnert sich an George F. Kennans "Mr. X"-Artikel von 1947, der die Containmentpolitik annoncierte, die jetzt zu Ende geht.

Die "Eindämmung" des Ostblocks war im großen und ganzen erfolgreich: Die Dämme sind nicht gebrochen, aber, so Norman J. Ornstein im Einleitungsartikel: "Wir haben eine neue Schlüsselfrage: Was macht eine Supermacht in einer Welt, die kein Supermachtkonflikt dominiert?" Eine gute Frage, wenn man zunächst davon absieht, daß Rußland sich erholen wird und damit die schon von Tocqueville prognostizierte Rivalität wieder ausbricht. Schließlich war sie das Fundament, auf dem die Protagonisten den Überbau des Kalten Krieges errichteten.

Ornstein und seine Mitdiskutanten, der Republikaner James A. Leach (Iowa) und der Demokrat Lee H. Hamilton (Indiana), stimmen überein, daß ihr Land vernachlässigte innenpolitische Probleme lösen muß und für die Außenpolitik die Vision einer "neuen Weltordnung" präzisieren sollte. Mehr Flagge zeigen, freilich so, daß es sich wirtschaftlich mit Japan und Deutschland verträgt und politisch mit den Vereinten Nationen und deren Organen. Das Ziel bleibt dabei unverändert, den Rest der Welt mit den Segnungen der freien Marktwirtschaft und der Demokratie Thomas Jeffersons zu beglücken. Dieser neuen Vision muß auch der im Kalten Krieg aufgeblähte Geheimdienst angepaßt werden (David L. Baren und Ernest May im selben Heft). Er wird genug zu tun haben, wie die Analysen der postsowjetischen Republiken (Simes, Karatuycky, Olcott) und des antidemokratischen Islam (Robin Wright) zeigen. Daß Völker mit geschlossenen Wertesystemen diktaturanfällig sind, ist ein alter Hut; aber deren Öffnung durch unsere amerikanisierte Zivilisation bedeutet noch lange keine funktionierende Demokratie, wie Angelo Codevilla (Hoover Institution) am italienischen Beispiel zeigt.

Insgesamt hinterläßt die Wahlvorschau in Foreign Affairs den Eindruck, man werde mit einigen Modifikationen zu den Lehren zurückkehren, die vor dem nunmehr gewonnenen Kalten Krieg galten. Wie erst in Osteuropa! Transit. Europäische Revue, Heft 4 (Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M.) hat seinen Schwerpunkt, "Politische Kultur", in zwei Beiträgen von Adam Michnik. Der erste gibt ein Gespräch mit Václav Havel wieder, der vom kriminalisierten Schriftsteller zum Präsidenten wurde und beides absurd fand. Der zweite steigt in die Untergründe kollektiver Identitäten im stockkatholischen Polen und die daraus resultierende Auseinandersetzung über die Vergangenheit. Unter "Rückkehr nach Europa" kann vielerlei verstanden werden, je nach dem, wann der heutige Betrachter ansetzt. Positionen legitimieren sich immer aus der Vergangenheit, zum Beispiel der serbische Nationalismus aus der Niederlage auf dem Amselfeld 1389. Aber Europa braucht Prozeduren des Umgangs: "Sich untereinander zu verständigen bedeutet", so Michnik, "daß man es schafft, die Regeln des Zusammenlebens in einem Land und auf der gemeinsamen politischen Bühne miteinander abzustimmen. ... Es reicht nicht aus, einfach die Straßennamen zu ändern und nach Art eines Ritualmordes eine historische Persönlichkeit aus der Erinnerung zu eliminieren, um einer anderen Rang und Namen zu verleihen." Mit den Symbolen änderte sich noch nicht die "servile und autoritäre Einstellung".

Michnik: spricht nicht von der deutschen Szene, wo die Kalten Krieger im Unbehagen ihres Sieges noch immer "die Linke" denunzieren, statt sich an die eigenen Nasen zu fassen, ob vielleicht auch sie etwas falsch gemacht haben könnten. Die Rechthaberei blüht wie eh und je, und natürlich ermuntert sie damit im gegebenen Zustand neuer Identitätssuche rechtsradikale Kompensationen der allgemeinen Ratlosigkeit. "Insgesamt beobachten wir in den postkommunistischen Gesellschaften eine Viefalt von ineinander verzahnten und einander beeinflussenden konservativen Faktoren. Sie stellen ein ernsthaftes Hindernis für den freien Meinungsaustausch, für Toleranz und Kompromiß dar, ohne die eine moderne liberale Demokratie nicht funktionieren kann", so George Schöpflin im selben Heft von Transit. Nicht nur Denkschemata der Linken sind überholt, sondern auch der Rechten. Davon gibt Verfassungsrichter Ernst-W. Böckenförde eine Ahnung, der aufgrund der klassischen Gerechtigkeitslehre plebiszitäre Elemente für sinnvoll hält, um "die Politik auf Trab zu bringen", ja sogar "die Aktivität politischer Bewegungen aus der Gesellschaft heraus" und in Ausnahmesituationen zivilen Ungehorsam.

Das setzt wie alles Handeln einen gewissen Optimismus voraus, eine "linke Tugend" also. "Ohne Angst verschieden sein zu können", empfiehlt der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp (Universitas, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, September 1992). Ihm geht es darum, den "Eindeutigkeitszwang" zu überwinden und neugierige Exploration von Realitätsschichten zu ermöglichen, "die einer verkürzenden instrumenteilen Logik unzugänglich sind". Anstelle der "innengeleiteten Prinzipienmenschen" sollen Personen mit einer "bunt-kreativen Patchworkmentalität" treten, die sich auf Personen und Situationen offen einlassen, sie erkunden und ihre Mitmenschen nicht als nur gut oder nur böse beurteilen.