Von Klaus Hartung

Brandgeruch liegt über Deutschland. Das fördert nicht gerade den klaren Blick. Es herrscht die bedrückende Vermutung, es sei keine Zeit mehr, schon gar nicht für das Nachdenken. Das „bessere Deutschland“ ist vom häßlichen Deutschen umzingelt. Gelähmt schwanken wir zwischen Katastropheneinsatz gegen die faschistische Gefahr und historischen Generallösungen. Verkehrte Fronten: Die Linke beschwört das staatliche Gewaltmonopol, und die Rechte wird zum ideellen Gesamtsozialarbeiter und forscht nach Ursachen, Motiven, sozialen Bedingungen. Hans Magnus Enzensbergers neuer Essay, „Die Große Wanderung“, muß da provozieren, mehr noch, muß verstören, eben weil er nicht warnt, mahnt, beschwört, sondern ganz unbeeindruckt auf das Denken setzt.

Eine Ausnahme, ein Diskurs, der diesen Namen verdient, frei, unangestrengt, gedankenfördernd, aber mitten im Bannkreis der Angst und der Fluchten, der Gedankenflucht und der Flucht vor Verantwortung; eine überaus ambitiöse, ja eigentlich programmatische Schrift: eine meisterliche Etüde im richtigen Denken. Es gelingt ihm – wie immer – Denklust gerade dort zu erwecken, wo alle alles schon zu Ende gedacht haben. So professionell, wie ein product placement zu sein hat, betreibt er thought placement. Die Präsentation stimmt und auch die Abmessung der Portionen. Petits fours der Aufklärung: „Dreiunddreißig Markierungen“ und „Mit einer Fußnote ‚Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd‘“. Die nicht einmal siebzig Seiten lesen sich süchtig, unabgesetzt, in kurzer Zeit. In dem Lande schläft die Vernunft und gebiert Monster. Enzensberger läßt für einen Moment die Monster schlafen und von der Vernunft träumen. Am Ende liegt ein blendendes helles Licht über den düsteren Verhältnissen, ein Licht, das langsam abklingt.

Eines macht Enzensberger jedenfalls nicht: er bezieht nicht Stellung, schon gar nicht dort, wo die Stellungen zu intellektuellen Schützengräben geworden sind, eben bei der sogenannten Asylfrage oder Ausländerdebatte. In dieser Debatte, die einen großen Teil der Denkkapazität der Nation und ihrer Moral, ihrer praktischen Phantasie und ihres Augenmaßes konsumiert, schont er die Kräfte. Er bezieht keine Positionen, sondern bricht aus ihnen aus. So hat er es immer gehalten, bei seinen „Eingriffen“ oder „Handreichungen“. Gerade in Momenten, in denen die Not der Zeit vom Intellektuellen Engagement abverlangt, schlägt er sich auf die Seite der Artistik und des intellektuellen Handwerks. Sauerstoff im Kompost fester Überzeugungen. So etwas kann übel vermerkt werden.

Dieses handwerkliche Ethos ist rar, zumal nach 1989, dem Jahr, das die deutschen Intellektuellen, die Linkshaber und Rechtshaber dazu getrieben hat, alle verfügbaren Bunker und Katheder der reinen Lehre so hektisch zu besetzen, wie andere ihre Eigentumsansprüche in Ostdeutschland anmeldeten. Hans Magnus Enzensberger gehört zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die die Wende 1989 überstanden haben, ohne an ihrer öffentlichen Rolle Schaden zu nehmen. Auch wenn er zu den „drängenden Fragen der Zeit“ schweigt, wird er öffentlich wahrgenommen. Sein Schweigen wird nicht als moralische Geste, sondern mit Neugier betrachtet. Daß er zur Vereinigungsdebatte nichts sagte, war beredt. Im Unterschied zu den meisten verteidigt er nie das alte Gute, sondern betritt schnell die offenen Räume des schlechten Neuen. Von dem Spiel mit Solidarisierungszwang – deutsche Intellektuelle gegen deutsche Politik – hatte er sich früh verabschiedet. Der politischen Klasse bescheinigte er kürzlich voller Mitleid, sie leide wie andere Minderheiten unter Hospitalisierungssymptomen. Die moralisierenden Interessenvertretungen des besseren Deutschlands im Stile von Walter Jens und Günter Grass belustigen ihn. In ihren Protesten gegen die Wiedervereinigung entdeckte er keine „produktive Substanz“. Wenn er interveniert, dann ist es entweder konkret, als handelnde Person, wie bei der RAF-Amnestie oder bei der Morddrohung gegen Salman Rushdie. Oder er greift an, quer zu den moralischen Frontverläufen.

Seine Übung ist der heitere Gebrauch der Argumente – und der Angriff aus dem Handgelenk. Zitate aus seinem Essay möchte man geradezu in die diversen Abgeordnetenbüros faxen, zum gefälligen Gebrauch für die kommenden Aktuellen Stunden zum Thema Brandanschläge auf Asylantenheime. Er spricht von der Vermutung, daß „viele der Menschenjagd ungerührt zusehen, weil sie sich einbilden, daß eine Haltung politisch vorteilhaft sein könnte“. „Eines sollte auch der Dümmste begreifen, nämlich daß der Verzicht auf das Gewaltmonopol des Staates Folgen hat für die politische Klasse, die keineswegs harmlos sind.“ Enzensbergers Schluß: „Der Selbsterhaltungstrieb dieser Personen (der deutschen Politiker, KH) ist weniger ausgeprägt, als man gemeinhin denkt.“ Er attackiert die Tolerenz, die „stets den Tätern, nie den Opfern gilt“: „Was die Politiker betrifft, so sind viele von ihnen in einer ziemlich neuen Rolle aufgetreten, nämlich als Sozialhelfer. Dabei kamen bedauerliche Mängel des Schulwesens, vor allem in der ehemaligen DDR, zur Sprache; es wurde um Verständnis für das schwere Los der Arbeitslosigkeit gerungen; als mildernder Umstand kam, neben der Unreife der Totschläger, ihre kulturelle Desorientierung in Betracht.“ Der aktuellste Kommentar zu Rostock – geschrieben vor Rostock.

Enzensberger vermeidet die gehobene Politikberatung, die „intellektuelle Intervention“ im Neudeutschen heißt. Im Vorbeigehen werden vorherrschende Wertvorstellungen erschüttert. Denen, die darüber moralisieren, weil „das Boot voll ist“, wirft er zu: „Den Moralphilosophen und allen anderen, die darüber verhandeln, fällt der Umstand, daß sie auf dem trockenen sitzen, gewöhnlich gar nicht weiter auf.“ In den Utopien der multikulturellen Gesellschaft und dem „Einwandererland Deutschland“ entziffert er den „Köhlerglauben, daß das widerspenstige Sein dem richtigen Bewußtsein schon parieren werde“. Die „fortwährende ethische Selbstüberforderung“ der Linken mache nicht nur „handlungsunfähig und unglaubwürdig“. En passant denunziert er die fatale Berufung auf die kollektiven Verbrechen der Deutschen, wonach der Holocaust zitiert wird, „auf daß am bußfertigen deutschen Wesen die Zweite und Dritte Welt genese“. Dem Sinne nach – allerdings nicht so sehr der Sprache nach – könnte das auch in einem Leitartikel der FAZ stehen.