Zwei Sozialforschungsinstitute (polis, München, und Sinus, Heidelberg) haben im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung "das Lebensgefühl der Deutschen in Ost und West nach der Wiedervereinigung" eruiert. Viertausend Personen wurden zu drei Themenkomplexen befragt, nämlich "Sozialstrukturen und Lebenswelten in Ost und West", "Einstellungsdimensionen zur deutschen Einheit" und "Wichtigkeit politischer Themen für die Betroffenen". Nun liegen die Ergebnisse als Buch vor, nun ist also endlich mit genauen Zahlen belegt und wissenschaftlich untermauert, was man vordem nur ahnen konnte: Die Deutschen leben "zwischen Angst und Aufbruch" (so der Titel) – heureka!

Hochkarätige Sozialforscher haben wieder einmal erwiesen, daß ihr Instrumentarium bestens geeignet ist, Allgemeinplätze mit zwei Stellen hinterm Komma zu bestätigen. Und daß es ungeeignet ist, über so komplexe Dinge wie "das Lebensgefühl" etwas Originelles ans Licht der Öffentlichkeit zu fördern. Hier sind die neuen Erkenntnisse: Nach der anfänglichen Euphorie beim Fall der Mauer herrsche nun weithin Frustration vor. Diese Euphorie wird hier übrigens ohne jeden empirischen Beleg als "nationale Begeisterung" und "patriotische Seligkeit" gewertet. Dabei wäre es bestimmt interessant gewesen, sich nicht auf das "trunkene Gestammel" im Fernsehen zu verlassen, sondern die Gefühle der frisch entlassenen DDR-Insassen und derer, die sie da plötzlich durch die Schlupflöcher drängen sahen, genauer zu untersuchen. Vielleicht kann man sich das im Westen nicht recht vorstellen: Für einen Insassen stellt es an sich einen hohen Wert dar zu entkommen, und es ist im Moment des Entkommens ziemlich egal, wohin man entkommt.

Aber weiter im Text: Gut zwei Drittel der Westdeutschen befürchten, "wir hätten uns mit der raschen Wiedervereinigung übernommen". Weil: Die Ostler arbeiten wie bisher und sind dem westlichen Leistungsdruck nicht gewachsen. Östlicherseits empfindet man die Westdeutschen als "arrogant, oberflächlich, selbstsüchtig". Wem dies neu ist, dem sei das Buch wärmstens empfohlen.

Jüngere Westdeutsche lehnten die Wiedervereinigung eher ab als ältere, heißt es da, dennoch sei es eine "beeindruckende Dreiviertelmehrheit von Altbundesdeutschen", die dem Anspruch der Ostdeutschen auf westliche Hilfe grundsätzlich positiv gegenüberstünden. Es folgt die statistische Aufschlüsselung der "schleichenden Verzweiflung" im Osten. Von Depression, Überforderung, einer höheren Selbstmordrate ist die Rede. Es wird ein genauer Prozentsatz der DDR-Nostalgiker und der radikalen Verdränger der DDR-Vergangenheit mitgeteilt.

Was aber lernt ein Kenner des Ostens dazu, wenn er die exakten Zahlen nicht kannte? Und was kann einer aus ihnen ersehen, der den Osten nicht kennt? Offenbar ist die Dürftigkeit ihrer Aussagen den Autoren selbst bewußt, weshalb sie hier und da vertiefende Einsichten beisteuern, zum Beispiel die, daß die Menschen aus den neuen Bundesländern "einen steinigen und dornenreichen Weg überwinden müssen, wollen sie wieder zu sich selbst finden."

Es folgen noch diverse statistisch belegte Behauptungen, etwa unter der Überschrift "Drüben ist vieles anders gewachsen", die für manchen Westdeutschen vielleicht tatsächlich überraschend sein mögen. Neu und mir erstaunlich ist zum Beispiel die Erkenntnis, daß man die Ausländer- und Zuwandererproblematik im Osten deutlich entspannter sieht als im Westen. Wer’s nicht glaubt – auf S. 127 ff. steht’s zu lesen.

Bei der Beschreibung der "sozialen Milieus" durch das Einkommen, durch Karriereziele und Konsumgewohnheiten offenbaren die Sozialforscher ihr gewohntes Tätigkeitsfeld: die Marktforschung. Das Brauchbarste sind denn wohl auch die Tabellen zur politischen Marktforschung, wo deutlich wird, wie viele Menschenprozente in Ost und West an welchen politischen Themen interessiert sind. Brauchbar für Politiker, die sich anhand dieser Tabellen ein Programm zusammenschustern und sich ihre Erfolgsaussichten errechnen können.

Martin Ahrends