Von Michael Braun

Fast hatten wir sie schon wieder vergessen, die gedächtnisschwachen Helden des Wirtschaftswunders, die Ärmelaufkrempler und Zupacker im Adenauerdeutschland der fünfziger Jahre, die die braunen Hemden ab- und die weißen Westen übergestreift hatten, um eilfertig zur Tagesordnung überzugehen. In den Romanen von Heinrich Böll, Alfred Andersch oder Siegfried Lenz waren wir diesen Virtuosen der politischen Verdrängung gelegentlich noch begegnet. Aber das ist lange her.

Doch nun sind die Nachkriegsdeutschen wieder in die Literatur zurückgekehrt – dank der kanadischen Autorin Mavis Gallant, deren Prosa, wie üblich mit katastrophaler Verspätung, allmählich auch hierzulande die Beachtung findet, die sie verdient. Ihre zwischen 1963 und 1973 entstandenen Erzählungen über Deutschland und die Deutschen handeln von Menschen, die emsig damit beschäftigt sind, alle Hindernisse auf dem Weg zur Wiederherstellung kleinbürgerlicher Normalität gewaltsam zu beseitigen. Nichts fürchten Mavis Gallants deutsche Menschen so sehr wie die Frage nach ihrer Vergangenheit. Die faschistische Barbarei wird von diesen alltäglichen Helden des Nachkriegs nicht etwa bagatellisiert oder verfälscht, sondern schlichtweg vergessen, aus der Erinnerung gelöscht

Dem jovialen Polizeikommissar verschlägt es in der Erzählung „Alte Freunde“ die Sprache, wenn seine alte Bekannte, die Schauspielerin Helena, an den Tod ihrer jüdischen Großmutter im Konzentrationslager zu erinnern wagt: „Er hätte gern, daß es irgendwie nicht deutsch gewesen wäre.“ Der einstige Hitlerjunge, Werwolfkämpfer und Ex-Fremdenlegionär Ernst, der seit seinem sechzehnten Lebensjahr eine Uniform getragen hat, übt sich in der Erzählung „Ernst in Zivil“ täglich im Vergessen der eigenen Lebensgeschichte. Rettung vor der Geschichte verspricht einzig die Flucht in besinnungslose Normalität, ins Familienidyll.

Mavis Gallant ist eine unerbittliche Beobachterin dieses doppelbödigen deutschen Familienfriedens. In beinahe allen Erzählungen sind dessen notorische Riten und Kulte präsent: die Degradierung der Ehefrau zur treuen Dienerin ihres geliebten Herrn; die dumpfe Eintracht vor dem Fernseher; last not least die brennenden Kerzen, die am Weihnachtsabend ins Fenster gestellt werden, um der nicht sonderlich geliebten Brüder und Schwestern im Osten zu gedenken. Mögen sie dadurch auch in noch so prekäre Zwangslagen und Abhängigkeiten geraten, am heiligen Gral der Familie halten Mavis Gallants deutsche Menschen unerschütterlich fest. Er ist und bleibt der unverzichtbare Hort ihrer Lebenslügen.

Kühl und prägnant, bisweilen mit einem eisigen Sarkasmus erzählt Mavis Gallant von den Schrecken deutscher Normalität. Aus ironischer Distanz schildert sie die Beschädigungen und latenten Traumata ihrer Figuren, ohne diese jedoch der Lächerlichkeit preiszugeben.

Die Novelle „Blockstelle Pegnitz“, der längste und formal ehrgeizigste Text des Bandes, beruht auf der nicht immer zwanglosen Verknüpfung vieler einzelner Lebensläufe zu einem Panorama deutscher Alltagskultur. Nach einem verpatzten Urlaub in Paris kehren Herbert, Christine und Bert, der kleine Sohn Herberts, per Bahn in ihre süddeutsche Heimatstadt zurück. Die Bahnfahrt dieses seltsamen Trios wird zu einer Reise durch die deutsche Geschichte. Nach dem Erreichen der deutschen Grenze beginnt eine lange, quälende Irrfahrt, bei der eine Ankunft immer unwahrscheinlicher wird. Nicht nur der Zug, auch die Novelle wird auf Nebenstrecken umgeleitet. Neue Figuren werden eingeführt, deren Tagträume und innere Monologe oft recht gewaltsam dem Text implantiert werden.