Joseph Biolek ist Redakteur für „Religion und Kirche“ beim Deutschlandfunk, zuständig für Katholika. Außerdem betreute er „Schalom – Jüdisches Leben heute“, eine Verkündigungssendung, wie sie laut Staatsvertrag den Religionsgemeinschaften zusteht. Herr Biolek mußte jetzt seine Mitarbeit in dieser Reihe aufgeben und wird sich nicht mehr, so verspricht es Programmdirektor Dettmar Cramer, zu jüdischen Themen äußern. Das ist die mindeste Konsequenz dessen, was Biolek sich geleistet hat.

Sonntag morgen, der 6. September. Wer Nachrichten hört, vernimmt das übliche dieser Tage. In der Nacht Überfälle von Skinheads auf Flüchtlinge in Niedersachsen, Schüsse auf ein Asylheim bei Bonn, Brandanschlag auf Vietnamesen im sächsischen Koblenz; in Eisenhüttenstadt randalieren 150 Jugendliche vor einem Asylheim, ähnliches in Berlin, Guben, Lychen, Prenzlau, Trassenheide, Pritzier. Wie gesagt, das übliche.

Es ist 8.25 Uhr. Deutschland erwacht. Der Deutschlandfunk sendet in der Reihe „Schalom“ einen Kommentar – diese journalistische Form ist jetzt eigentlich gar nicht vorgesehen, aber Herr Biolek meint wohl, es sei an der Zeit für Bemerkungen über „Jüdische Vergangenheitsbewältigung aus der Sicht eines Christen“.

„Es macht nachdenklich“, beginnt er, „daß jüdische Schriftsteller und Journalisten sich einseitig, undifferenziert und oft unter eindeutig linksideologischen Vorzeichen mit den vergangenen Jahrzehnten und der heutigen Situation Deutschlands beschäftigen.“ Biolek denkt also nach und findet „auf jüdischer Seite“ – seine Seite ist ja die christliche – „zu oft grobe Verzerrungen“. Unter Hitler hätten auch „politisch links- und rechtsstehende Deutsche“ gelitten. Aber „jüdische Kommentatoren“ seien auf die eigene Vergangenheit fixiert. Statt dessen mahnt er an: „Wo bleibt die jüdische Auseinandersetzung ... mit den verheerenden Folgen der marxistisch-leninistischen Diktaturen“, denn „eine große Zahl von Juden waren Mittäter“. Auch „das Wohlverhalten jüdischer Gemeinden in dem Unrechtsstaat DDR“ hält Biolek einer Analyse wert. „Bezeichnend“ (meint er: typisch jüdisch?) hätten sich Stefan Heym und Anna Seghers verhalten. „Der eigene Ruhm war ihnen wichtiger als die Menschlichkeit.“

Nachdem Herr Biolek Faschismus und Antifaschismus als „hohle Begriffe“ abgetan hat, teilt er noch mit, daß ein „hierzulande bekannter jüdischer Journalist“ nicht das Recht der Vertriebenen auf Gebiete in Polen und der Tschechoslowakei anerkenne. In der Biolek-Sprache heißt das „territoriale Korrekturen im Osten“.

Genug. Der Deutschlandfunk distanziert sich durch seinen Programmdirektor, Hörer teilen ihr Entsetzen in zahlreichen Briefen mit. Der makabre Kommentar von einem, der für den jüdischchristlichen Dialog steht – ist er nur instinktlos?

Das Aufrechnen „deutscher“ gegen „jüdische“ Opfer, dazu eine jüdisch-kommunistische Verschwörungstheorie, die die ach so harmlosen wie selbstverständlichen deutschen Rechte bedroht, das waren Tabus nach Auschwitz, genauso wie das Steinewerfen auf Ausländer. Für die, die nicht begreifen, müssen eben Tabus gelten. Man kann sich vorstellen, wie der Grimm des Sudetendeutschen Biolek in den Jahren gewachsen ist, während er ausgerechnet in der Redaktion von „Schalom“ seine Arbeit verrichtete. Aber noch war Reden nicht gestattet. Jetzt, meinte er wohl, ginge es wieder. Dann kamen diese fünf Minuten im Stil von „Das muß doch endlich mal gesagt werden“. Es muß nicht und es darf nicht.

Biolek wird eine Nähe zu den randalierenden Rassisten von sich weisen. Trotzdem: Die Steinewerfer der Nacht heben für die Redner am Tag die Schamgrenze auf. Und umgekehrt funktioniert das auch. Für „Schalom“ wurde Joseph Biolek untragbar. Fragt sich, was er „aus der Sicht eines Christen“ den Hörern sonst noch alles mitteilen darf. Der Deutschlandfunk sendet doch nicht für Deutsche Christen, oder? Martin Merz