In Clint Eastwoods tragischem Film „Bird“ über das tragische Leben des Altsaxophonisten Charlie Parker findet sich nur ein Lichtblick zwischen all den tragisch regennassen Straßen und tristen Hotelzimmern: eine jüdische Hochzeit. Die Musik dreht sich, volksliedhaft, und dazwischen untergründig schräge Bebop-Läufe. Die Tänzer stocken kurz, verwundert, und grinsen dann dem seltsamen Schwarzen mit seinem Käppi zu. Es paßt: jüdische Hochzeitsmusik und Jazz.

Sieht man von Hava Nageela, Abi und Esther Ofarim und ein bißchen Giora Feidman ab, das war’s dann schon – meine Erfahrung mit jüdischer Musik. Nun gehört es zum guten Ton des Musikkritikers, immer so zu schreiben, als sei er schon Jahrzehnte mit einer Sache vertraut und nur die aktuelle Plattenveröffentlichung, das längst überfällige Konzert gebe ihm nun endlich den Anlaß, sich zu äußern. Dem ist hier nicht so.

Diesmal ist einfach auf eine CD hinzuweisen, die alles enthält, was man über Klezmer-Musik wissen kann, und noch mehr. „Yikhes – frühe Klezmer-Aufnahmen von 1907–1939“ nennt sich die CD des Trikont Verlages, ebenso liebevoll aufgemacht wie die fünf Veröffentlichungen zur Cajun-Musik aus den Sümpfen Louisianas. Ein vierzigseitiges Textheft ist nicht nur Beigabe, es stellt (wahrscheinlich! Siehe oben!) den umfassendsten und wichtigsten Beitrag in deutscher Sprache zu dieser Musik dar.

Zugegeben, kein Grund, sich für diese Musik zu interessieren – dumpf, verrauscht, trotz No-Noise-Verfahren –, traditionelle Instrumentalmusik der jiddischsprachigen Juden Osteuropas, aus einem Gebiet, das durch keine staatlichen Grenzen zu begrenzen ist und nur Musikwissenschaftler zur Stammbuchsuche animiert. Zugegeben, es war nicht diese CD, die meine Neugier weckte, sondern ein Konzert des New Klezmer Trios. Drei junge, sehr junge Musiker, die mit Klarinette, Baß und Schlagzeug alle Kategorien sprengten und doch seltsam vertraut, eigenwillig traditionell klangen. Rasende melodische Variationen, kleine Figuren, endlos wiederholt und umspielt; der, rhythmische Puls wird schneller, verlangsamt sich. Beschwingtes Wippen der Füße und dann, fast übergangslos, tieftrauriger Schmelz. Verschleifungen, flinkes Vibrato und rauher Ton, Schwermut, die sich sprunghaft in Glück verkehrt.

Es ist alles wiederzufinden – in diesen frühen Klezmer-Aufnahmen, als man noch vorwiegend zu Hochzeiten aufspielte, zu Festen, als die Klezmer (jüdisch für Musiker! Siehe oben!) nebenbei als frizirer, shuster und shnayder arbeiteten, da das Trinkgeld selten ausreichte und die yardniks (Hinterhofmusiker! Siehe oben!) kaum Noten lesen konnten. Üben, üben – nach Gehör, statt vom Blatt zu spielen. Der Improvisationsgestus, die Verwandtschaft zum Musikideal des Jazz schien vorgegeben. Vielleicht war es auch die Assimilationsbereitschaft, die Nähe herstellt: liturgische Musik, Polkas, Zigeunermusik, Csärdäs, Mazurka, jüdische Volkslieder und Orientalismen und selbst Blaskapellenmusik mit krachendem Schlagzeug wurden aufgesogen, gemischt und blieben doch unverwechselbar Klezmer.

Es macht Lust, diese Geschichten der Klarinettisten Naftule „Nifty“ Brandwein und Dave Tarras, des Meistercymbalisten Joseph Moskowitz, diese Lower-East-Side-Stories von Besessenen, Verrückten und Vergessenen zu lesen und dabei diese Musik zu hören. Und nach einiger Zeit hört man diese Geschichten in der Musik und kann wieder vergessen, was man über Klezmer gelesen hat.

„Radical New Jewish Culture“ überschrieb John Zorn seine beiden Abende beim Art Projekt in München, aber nur das New Klezmer Trio und die Gruppe des Gitarristen Marc Ribot bezogen das „jüdisch“ auf die musikalischen Klezmer-Wurzeln. Ansonsten stellte sich ein ähnlicher Aha-Effekt ein wie bei einem Besuch der Münchner Literaturhandlung, die ausschließlich jüdisches Schrifttum führt: Verblüffung, wer denn alles Jude sei, ohne mehr Gemeinsamkeiten festmachen zu können als bei allen Märzgeborenen. Weitaus ergiebiger und aufregender gelingt dies einem Sampler, der moderne, aber doch gemäßigt gehaltene Bearbeitungen von Klezmer-Musik mit radikalen Vereinnahmungen zusammenstellt.