Er sei Realist, sagt Jochen Gerz: "Ich versuche, so scharf hinzusehen, so nah an den Gegenstand heranzugehen, wie ich das irgend kann." So nimmt er Welt auf, mit wachen Sinnen für das Alltägliche im urbanen Dasein und in fernab gelegener Natur, und schafft dann mit seinem Werk Distanz zur Nähe unmittelbarer Erfahrung – eine Distanz, die den Assoziationen anderer Menschen Raum anbietet.

Indem Gerz vorgefundene Wirklichkeit mit Hilfe der Photographie abstrahiert, gewinnt er Abstand. Indem er diese großformatigen, positiv oder negativ abgezogenen Bilder zersprengt und mit Texten versetzt, die ihrerseits aus Satzfetzen, Erinnerungspartikeln, ironischen Hinweisen oder verfremdeten Parolen gebaut sind, fordert er den Betrachter auf, sich selbst ein Bild zu machen, selbst Realist zu sein in einer disparaten Welt, auf die die Kunst schon länger mit dem Prinzip der Collage antwortet.

Gerz’ Arbeit lebt seit mehr als zwanzig Jahren vom Fragmentarischen, von seiner Skepsis gegenüber der Darstellungskraft von Bildern und der Eindeutigkeit von Worten. Sie existiert in dem redlichen Versuch einer Verständigung jenseits leer gewordener Zeichen, und sie zeigt sich meist in der anspruchsvoll strengen Ästhetik schwarzweißer Photographien, in Kombination mit schwarzen Rahmen und Wortüberblendungen in einem Rot, zu dem wohl einmal die russische Revolutionstypographie Pate stand.

Im Neuen Museum Weserburg in Bremen sind gegenwärtig raumgreifende Montagen aus den vergangenen Jahren zu sehen. "Life after Humanism" – der Titel der Ausstellung – ist einer neueren Arbeit entlehnt und stellt so etwas wie ein Leitmotiv im Dickicht der Denkbilder dar – einem präzise arrangierten Geflecht der Beobachtungen und Verlautbarungen, das sich den formalen Gesetzen der Medienwelt und des raffinierten Werbe-Designs bedient, um in aller Stille und mit Sinn für Effekte eine Gegenwelt zu postulieren.

In Bremen erhielt der Künstler 1990 den neugeschaffenen Roland-Preis für Kunst im öffentlichen Raum. Einer der Auslöser für die Ehrung war Esther und Jochen Gerz’ Skulptur in Hamburg-Harburg – jene bleigefaßte Säule für die Opfer des Nationalsozialismus, die Gedenken weitertragen will, indem sie immer mehr in der Erde verschwindet.

Die Antworten auf die Bedürfnisse der Hansestadt Bremen sind anderer Natur: "Free Coca Cola", "Free Florence Nightingale", "Free Ezra Pound", "Free Michael Bakunin", "Free Rosa Luxemburg" ist nun auf innerstädtischen Plakatwänden zu lesen, in leicht verzerrter Typographie und als Aufforderung für die meisten Passanten vermutlich unergiebig. Darunter steht eine in der Tat überraschende Botschaft. In heitereren Zeiten könnte sie einen ja erfreuen: "Die Senatorin für Kultur und Ausländerintegration warnt: Kunst ist unverständlich." Es ist anzunehmen, daß die Senatorin heute andere Sorgen hat, als die Bürger ironisch zu unterweisen. Und es zeigt sich leider wieder einmal, daß Denkräume einfacher als in der rauhen Wirklichkeit im musealen Elfenbeinturm einzurichten sind. Jochen Gerz ist über Jahrzehnte angetreten, das zu ändern. Heute, mit der brennenden Gedenkstätte von Sachsenhausen vor Augen, wird ein Realist nicht nur skeptisch reagieren können. Er muß wohl Zweifel anmelden. (Neues Museum Weserburg und Forum Langenstraße bis zum 25. Oktober; Katalog, edition cantz, 40,– DM)

Ursula Bode