Von Christophm Bertram

Zehn Jahre an der Spitze, drei erfolgreiche Bundestagswahlkämpfe, unzählige Koalitionskrisen liegen hinter ihm – kein Wunder, daß Helmut Kohl darüber mehr gealtert ist, als es der Ablauf der Zeit erwarten ließe. Sein früher dunkles Haar ist grau-weiß geworden und licht, das Gesicht von Falten zerklüftet, als habe sich jede Verletzung darin eingegraben und jede Anstrengung der 3652 Tage, die seit dem 1. Oktober 1982 vergangen sind, an dem er Kanzler wurde.

Noch etwas anderes hat sich verändert, das in so vielen Krisen fast aufreizende Wesensmerkmal dieses Kanzlers war: Sein geradezu animalisches Selbstvertrauen ist abgeklungen. An dem wuchtigen Mann schienen lange Zeit alle Pfeile seiner Kritiker und Gegner abzuprallen. "Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter", lautete oft sein verächtlicher, selbstsicherer Kommentar. Heute wehrt er sich zwar immer noch nach derselben bulligen Art, aber seine Stimme klingt belegter, seine sonst so überquellende Prosa ist disziplinierter, seine Lippen sind schmaler geworden. Kohls Körpersprache signalisiert heute Behutsamkeit, fast ein linkisches Werben um Verständnis, Fairneß, Akzeptanz. Das ist neu.

Helmut Kohl ist jetzt 62 Jahre alt, noch immer ein Jüngling unter den bisherigen Kanzlern der Bundesrepublik. Er zählt die Rekorde gern auf, die er eingestellt hat: In der Geschichte der Republik hat nur Adenauer länger regiert als er, in der Geschichte des modernen Deutschlands – seit 1871 – steht er nach der Dauer der Amtszeit auf Platz vier. Seit neunzehn Jahren ist er Vorsitzender der CDU. Und er ist der erste Kanzler, unter dem eine deutsche Einigung auf friedliche Weise erreicht wurde.

Die Rekordbilanz wäre – auch wenn das Ungewöhnliche, sobald es einmal erreicht ist, zur Normalität abgewertet wird – für andere Grund genug, Jüngeren Platz zu machen und in der warmen Abendsonne des Erfolges den verdienten Ruhestand zu genießen. An entsprechenden Ratschlägen – nicht nur von Widersachern, auch von Wohlmeinenden und der eigenen Familie – hat es Helmut Kohl nicht gefehlt.

Aber der bloße Gedanke, Kohl könne wie etwa Hans-Dietrich Genscher mit Erreichen der Altersgrenze freiwillig aus dem Amt scheiden, steht in krassem Widerspruch zum Naturell dieses Mannes. Wer nur meint, er klebe an seinem Posten, hat ihn nie ganz verstanden. Kohl, der sonst so wenig mit Helmut Schmidt gemeinsam hat, ist von nicht weniger politischer Leidenschaft gepackt als sein Vorgänger. Es geht ihm um mehr als die bloße Erhaltung seiner Macht, er will die Macht zu seinen Zielen nutzen. Heute nennt er zwei Ziele, die ihn veranlassen, weiterzumachen: Die Einigung Deutschlands müsse vollendet, die Einigung Europas unumkehrbar werden – dafür will er noch kämpfen.

Helmut Kohl ist also kein Gefangener in der Raumstation Bonn, er zählt nicht zu jenen vom Bundespräsidenten gegeißelten Generalisten "mit dem Spezialwissen, wie man politische Gegner bekämpft". Sosehr der Kanzler auch dieses Geschäft versteht, die bissige Charakterisierung erfaßt nicht die ganze Person. Er zeichnet sich durch das geringe Maß aus, in dem er sich dem Bonner Ritual angepaßt hat. So kann er noch immer nicht der Versuchung widerstehen, sich bei Staatsbanketts den Magen vollzuschlagen. Er hat sich noch immer nicht beibringen lassen, wie einer auf dem Fernsehschirm am besten wirkt. Wenn man Kohl umstilisieren wolle, hat einer seiner Pressesprecher geseufzt, dann würde er seine politische Kraft verlieren: "Er ist so, wie er ist."