Von Kurt Biedenkopf

I.

Dresden

Zwei Jahre deutsche Einheit liegen hinter uns. Zwei Jahre, die unser Land, aber auch ganz Europa von Grund auf geändert haben. Sechzehn Millionen Deutsche leben wieder in Freiheit. Bespitzelungen und Unterdrückung sind überwunden. Die Mauer existiert nicht mehr. Berlin ist wieder Hauptstadt.

Auch den Ostdeutschen steht die Welt offen. Tausende sind unterwegs, sie neu zu entdecken. Aber nicht der Erfolg der Wende bestimmt das Denken der Menschen knapp drei Jahre nach der Öffnung der Mauer. An die Stelle von Begeisterung und Glücksgefühl sind Ernüchterung und Enttäuschung getreten. Obwohl sie nach wie vor Anlaß dazu hätten und noch immer viele so empfinden, sind die Deutschen nicht länger glücklich bei dem Gedanken, wieder geeint zu sein. Drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist ihre Stimmung auf einem Tiefpunkt angelangt. Drei Viertel sind über die Verhältnisse in ihrem Land beunruhigt. Arbeitslosigkeit, Geldentwertung und Rückgang des Wachstums, der steigende Zustrom von Ausländern, Kriminalität und Drogen machen ihnen Sorgen. Zwar erfreut sich ihre große Mehrheit eines höheren Lebensstandards als je zuvor in der deutschen Geschichte. Ihre Währung gehört zu den stärksten der Welt. Dennoch blickt gerade noch die Hälfte von ihnen mit Optimismus in die Zukunft.

Niemand konnte erwarten, daß die Freude über die wiedergewonnene Einheit der Deutschen ungetrübt fortdauern würde. Dazu sind die Schwierigkeiten und Herausforderungen zu groß, vor die uns die Wende in Deutschland und Europa stellt. Aber dies allein erklärt nicht das Stimmungstief, das wir zwei Jahre nach der friedlichen Wiedervereinigung registrieren müssen. Denn bislang ist der Vollzug der deutschen Einheit weit besser verlaufen, als er hätte verlaufen können. Trotz der gewaltigen Umstellungen, der Zusammenbrüche vieler Unternehmen, der hohen Arbeitslosigkeit und der Probleme, welche die Ostdeutschen mit der neuen Wirtschafts- und Sozialordnung haben, sind größere Unruhen bisher ausgeblieben.

Die Menschen wollten die Einheit. Sie wußten, daß sie ihr Leben verändern würde. Sie haben eine enorme Anpassungsleistung erbracht. Jeder, der die ostdeutschen Länder bereist, kann die Veränderungen zum Besseren mit Händen greifen. Hunderttausende verloren ihren Arbeitsplatz, aber Tausende Unternehmen, Handwerks- und Gewerbebetriebe sind inzwischen neu entstanden. Mehrere hundert Milliarden Mark wurden vom Bund und den westdeutschen Ländern bereitgestellt, ein wesentlicher Teil durch die Versichertengemeinschaft der Sozialsysteme. Unsere Nachbarn akzeptieren die deutsche Einheit, die Europäische Gemeinschaft unterstützt ihren Vollzug im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Was also sind die Ursachen unserer gegenwärtigen gesamtdeutschen Befindlichkeit, und wie läßt sich unser Stimmungstief überwinden?