Im Kreis der antiken Gottheiten erfreuen sich die römischen Götter nur geringer Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Die Römer, heißt es, seien unfähig gewesen, sich eine eigene Götterwelt zu schaffen, sie hätten ihre Götter aus Griechenland importiert. Und was die Götterbilder betrifft, so hätten die römischen Künstler sich damit begnügt, römische Originale zu kopieren.

Die neuere archäologische und religionshistorische Forschung ist dabei, das Urteil über die römischen Götter zu revidieren, ihnen durch eine differenzierende Betrachtung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, indem man die einzelnen Göttergestalten nach ihrer unterschiedlichen Herkunft untersucht. Sechsundzwanzig römische Gottheiten, zwölf weibliche und vierzehn männliche, hat Erika Simon behandelt in ihrem Buch „Die Götter der Römer“, das eine exzellente Einführung in den gesamten hochinteressanten Themenkomplex der antiken Kulte darstellt. Von Aesculapius bis Volcanus werden die Götter in alphabetischer Folge vorgestellt, jeder in einem eigenen Kapitel. So wird Apollo als „ein Gott aus der Fremde“ gezeigt, den griechische Seefahrer im 6. Jahrhundert nach Mittelitalien gebracht und dem sie Tempel errichtet haben – um ihm als ersten nach der glücklichen Landung opfern zu können.

Anders steht es mit seiner Schwester Diana, die zwar der griechischen Artemis entspricht, mit ihr aber keineswegs identisch ist. Diana dürfte, nach Erika Simon, mit der Einwanderung der Italiker auf die Apenninhalbinsel gekommen sein. Beide, Artemis und Diana, haben gemeinsame Wurzeln in der neolithischen Epoche der Jäger und Sammler. Dianas Zuständigkeit für die Jagd und die Aufsicht bei der Tiertötung ist also nicht von Artemis abgeleitet, sondern eigenen prähistorischen Ursprungs. Auch die wunderbar ausgearbeitete Bronzestatuette einer Diana im kurzgeschürzten Gewand und mit modisch eleganten Jägerstiefeln, ihr zu Seiten Hirsch und Löwe (aus dem Besitz des Getty Museums in Malibu), ist römischer Provenienz und durchaus kein Abklatsch einer griechischen Artemis. Während der Kaiserzeit hatte Diana ihren Bruder Apoll in ihrer Beliebtheit weit. hinter sich gelassen, aber auch ihre kultischen Kompetenzen über die Jagd hinaus erweitert. So wurde sie auch als Spenderin der Feldfrüchte verehrt. Außerdem war sie für den Nachwuchs zuständig, zunächst nur bei den Tieren, dann aber auch bei den Menschen.

Die Dichter Horaz und Catull haben Diana als Geburtshelferin in Hymnen gefeiert. Eine ihrer rühmenswerten Eigenschaften sei ihre totale Vorurteilslosigkeit. Sie kenne keinen Unterschied zwischen Freien und Sklaven, ihr ältestes italienisches Heiligtum, der Hain von Aricia, wird als Asyl für entlaufene Sklaven angesehen. Auch bei den übrigen Gottheiten wird die Frage nach der Eigenständigkeit mit Vorrang behandelt. Der reiche Bilderteil wurde mit Spürsinn und Kennerschaft sowohl aus den berühmten wie auch aus den kleinen Antikenmuseen der ganzen Welt zusammengebracht. Gottfried Sello

  • Erika Simon: Die Götter der Römer

Hirmer Verlag, München 1992; 319 S., 334 Abb., 98,– DM