Von Udo Perina

Vom heißen September 1992 werden Bankiers und Devisenhändler noch lange schwärmen. „Ich fühlte, daß wir alle Geschichte machen, und es war großartig“, beschreibt Doug Bäte, Chefdevisenhändler der Barclays Bank, jenen Tag, an dem er und seine Kollegen die Bank von England zur Kapitulation zwangen. Am 16. September mußte Großbritannien, ebenso wie Italien, das Europäische Währungssystem (EWS) verlassen. Die Kurse von Pfund und Lira stürzten in die Tiefe, die spanische Peseta wurde abgewertet. Aber die Devisenmärkte gaben sich noch längst nicht zufrieden. Als nächstes Opfer nahmen sie den französischen Franc ins Visier. Nur mit milliardenschweren Interventionen konnten die Notenbanken den Angriff abwehren – vorerst wenigstens.

Gelohnt hat sich die Schlacht für die Akteure allemal. Noch nie hätten seine Devisenhändler „so sicher, so schnell, so viel Geld machen können wie in dieser Währungskrise“, bekennt Edward Wauters, Chef der Brüsseler Kredietbank N.V. freimütig. Einige Finanzhäuser brachten es auf zweistellige Millionengewinne an einem einzigen Tag.

Doch all das hat Spuren hinterlassen: ein amputiertes Währungssystem, höhere Zinsen und ein schwerer Rückschlag für die Einigung Europas, gleich mehrere Volkswirtschaften wurden geschädigt. Viele Politiker, darunter Englands Premier John Major, lassen ihrer Wut über die Exzesse an den Devisenbörsen freien Lauf. Frankreichs Finanzminister Michel Sapin erinnert gar daran, daß Spekulanten während der französischen Revolution unter die Guillotine kamen.

Sapins Scharfrichter hätten viel zu tun. Spekulationsgeschäfte mit Währungen verzeichnen einen einzigartigen Boom. Innerhalb von drei Jahren ist der tägliche Umsatz im weltweiten Devisenhandel um fünfzig Prozent auf die unvorstellbare Summe von nahezu einer Billion Dollar angewachsen. Auf den normalen Geldwechsel – etwa zur Finanzierung von Außenhandelsgeschäften, Investitionen oder Touristenreisen – entfällt nur ein ganz geringer Teil. Die Angaben schwanken zwischen fünf und zwanzig Prozent.

Rund 30 000 Händler sorgen in Asien, Europa und Amerika dafür, daß sich das Devisenkarussell rund um die Uhr dreht. Einer von ihnen heißt Hans Bischof. Er leitet den Devisenhandel der Hamburgischen Landesbank. Auch für ihn war der September der „heißeste Monat“ seit dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods vor zwanzig Jahren.

Acht Händler sitzen in Bischofs Devisenabteilung. Grüne und rote Zahlenreihen auf Bildschirmen informieren laufend über die neuesten Kurse für Dollar, Yen und alle europäischen Währungen. „USD 1,4730 – 1,4736“ – im Augenblick wird der amerikanische Dollar für 1,4736 Mark ge- und für 1,4730 Mark verkauft. Weitere Zahlen tönen aus einem Lautsprecher. Es ist die Stimme eines Kursmaklers, mit dem die Händler über eine Standleitung verbunden sind. Aus den laufenden Veränderungen müssen sie den gerade vorherrschenden Trend erkennen.