Was ist eigentlich einzuwenden gegen die Bilder, die Udo Pini mit viel Fleiß und Verstand gesammelt und in einem Buch zusammengefaßt hat: „Leibeskult und Liebeskitsch“? Nichts. Jedenfalls ließen sich ähnliche Abbildungen nackter Frauen und auch einiger nackter Männer zu allen Zeiten und in vielen Kulturen finden. Die „Erotik im Dritten Reich“ ist nicht etwas, dessen wir uns besonders schämen müßten. Die Lust an der Abbildung des nackten Körpers taucht seit der griechisch-römischen Antike, vor allem seit ihrer Wiederentdeckung in der Renaissance, immer von neuem auf dort, wo sie nicht unterdrückt wurde. Es gab in Hitlers eher prüdem Gefolge durchaus Leute, die sie gern unterdrückt hätten. Aber sie scheiterten an ihrem Führer, der sich Kunstverstand einbildete.

Freilich: Die Objekte seiner Kunst hatten „schön“ zu sein, makellose Menschenleiber zum Beispiel, im Alter zwischen sechzehn und dreißig Jahren, möglichst auch blond, langschädelig und langbeinig. Brillenträger waren eher unerwünscht. Nun hat „Kunst“, wenn es auch in Diktaturen wie in Demokratien bedauert werden mag, etwas Elitäres. Sie zu schätzen setzt musische Bildung voraus. Die „Massen“, deren eine „Bewegung“ bedarf, können sie sich nicht aneignen. Sie wollen es eigentlich auch nicht.

Kurzschluß: Es genüge der schöne (zukunftsfrohe, lustbetonte) Gegenstand, der dann nur noch realistisch abgebildet zu werden braucht. Darauf verstanden sich Bildhauer der Nazi-Zeit wie Arno Breker und Maler wie Adolf Ziegler recht gut. Ihr Handwerk beherrschten sie meisterhaft. Sosehr andere Gleichsetzungen falsch sind: Nationalsozialisten und Kommunisten als Regierende suchten und fanden den gleichen Ausweg aus dem Dilemma: Der Soz.-Nazismus und der Soz.-Realismus sind deutsche Zwillinge – was sich bis in Details nachweisen ließe.

Darauf kommt es dem Autor Pini nicht an. Er ist sich gewiß klar darüber, daß love in a haystack und Liebe in der Natur verwandt sind, daß ein Zeltplatz der Hitlerjugend an sich weder moralischer oder amoralischer war als eine Camping-site 1992, daß FKK auf Sylt und anderswo, wie immer man es auch nannte, vor sechzig Jahren ähnliche Bedürfnisse befriedigte wie heute.

Udo Pini geht es darum zu zeigen, daß sich etwas so durchaus Normales, Allerweltsübliches wie die Lust des Eros mißbrauchen läßt für Zwecke, die weniger lustvoll und auch nicht so ganz allerweltsüblich sind: für Propagierung einer Lehre vom auserwählten Volk und von der zu vermehrenden lebenstüchtigen Rasse; was freilich auch hieß: gegen „nichtsnutzige“ Völker und „nicht lebenswertes“ Leben. Rudolf Walter Leonhardt

  • Udo Pini:

Leibeskult und Liebeskitsch Erotik im Dritten Reich; Verlag Klinkhardt & Biermann, München 1992; 400 S., Abb., 98,– DM