Von Andreas Kuhlmann

Mitten in ihren Überlegungen über die antizivilisatorische Gewalt des Schmerzes fällt Elaine Scarry sich einmal selbst ins Wort. In den Eingangspassagen ihres Buches hatte sie gezeigt, daß das Schmerzempfinden sich der Sprache entzieht, ja daß es die Sprache zerstört; in extremen Situationen werden wir auf die vorsprachlichen Artikulationen des Schreies oder des Wimmerns zurückgeworfen. Dennoch wird immer wieder versucht, den Schmerz in Worte zu fassen. Die gequälten Personen selbst, Ärzte und Therapeuten, Juristen und Menschenrechtsorganisationen können ihren Kampf gegen den Schmerz nur aufnehmen, wenn sie vor seiner sprachzersetzenden Kraft nicht kapitulieren. Doch nicht nur, wo er die Sprache zerstört, wird der Schmerz tyrannisch, sondern auch, wo er die Sprache okkupiert. Alle Interpretationen der Schmerzerfahrung erscheinen vor ihrer überwältigenden, obszönen Wirklichkeit trivial. Der Schmerz weigert sich, erklärt, interpretiert zu werden und kann deshalb seine Isolation nicht durchbrechen.

Scarry selbst jedoch will sich von der Tyrannei des Schmerzes nicht einschüchtern lassen. Sie versucht, ihm Terrain streitig zu machen, indem sie seine destruktive Kraft beschreibt. Zunächst spricht sie von der totalen Isolation der Folter: Der extreme Schmerz reduziert das Opfer ganz und gar auf seine krude Körperlichkeit. Das aber bedeutet, daß ihm die Welt abhanden kommt. Denn jener Horizont, den wir "Welt" nennen, kann sich nur dort eröffnen, wo wir vom Körper Abstand nehmen, wo wir über seine Grenzen hinausgreifen und andere Objekte, seien sie mentaler oder materieller Natur, erreichen können. Der Schmerz ist, wie Scarry zeigt, eine gänzlich selbstbezügliche Empfindung. Wenn er vom Bewußtsein Besitz ergreift, verlieren andere Gegenstände ihr Gewicht, ja ihre Wirklichkeit.

Scarrys eindringliche Analyse zeigt nun, daß das Arrangement der Folter darauf zielt, jene Weltzerstörung, die der Schmerz verursacht, äußerlich sichtbar zu demonstrieren. Die vertrautesten Gegenstände, die normalerweise dem Schutz und der Entlastung des Körpers dienen – ein Tisch, ein Stuhl, eine Badewanne – wenden sich gegen das Opfer und werden zur Waffe. Das bloße Öffnen einer Tür kann panischen Schrecken verursachen, da ungewiß ist, was nun geschehen wird. Doch nicht nur durch das Umfunktionieren der zuvor vertrauten und vertrauenerweckenden Gegenstände wird die Zerrüttung der "Welt" des Opfers demonstriert; im Verhör wird ihm zudem seine eigene Sprache entwendet. Das Verhör ist integraler Teil der Folter: Der herrische, dringlich-drängende Tonfall des Folterers führt dem Opfer vor Augen, daß es die Gewalt über seine eigene Artikulation verloren hat. Die Enteignung kulminiert im erpreßten Geständnis, das, fälschlich zum "Verrat" gestempelt, das Opfer nochmals erniedrigt.

Scarrys Interpretation läuft nun darauf hinaus, daß das Folterregime für sich politische Legitimität usurpiert, indem es sich die peinigende Wirklichkeit des Folterschmerzes aneignet. Zwar ignoriert der Folterer die konkrete Schmerzempfindung, zapft aber wie ein Blutsauger ihren übermächtigen Realitätsgehalt ab und nährt die eigene Position davon. Je mehr die Person des Opfers im schmerzverzerrten Körper zusammenschrumpft, desto größer wird die "Welt", über die der Folterer zu verfügen meint. "Nur weil der Gefangene beständig an Boden verliert, hat der Folterer das Gefühl, sein Territorium zu erweitern. Frage und Antwort ähneln einer fortwährenden Schaustellung, die dem Vergleich dient, so als entfaltet man Weltkarten voreinander ... Frage und Antwort bekräftigen zudem, daß der Gefangene nahezu keine Sprache mehr hat – sein Geständnis bedeutet bereits halbwegs die Auflösung der Sprache, zeigt hörbar an, wie nah er dem Schweigen ist –, während der Folterer und das Regime ihre Sprache gleichsam verdoppelt haben, denn der Gefangene spricht nun ihre Sprache."

Auch den Krieg deutet Scarry als parasitären Mechanismus: Im Streit um die ideologische oder territoriale Hegemonie gewinnt der Sieger eine fiktive, aber wirksame Legitimität, da sich der Verlauf und Ausgang des Krieges in die Versehrten menschlichen Körper eingraviert hat. Wie in den Erläuterungen zur Folter, so zeigt sich auch im Kapitel über den Krieg Scarrys besondere Stärke dort, wo sie geradezu peinigend anschaulich zeigt, wie die Aggression des Schmerzes die Zivilisation zersetzt. "Zwar hatte dieser Mensch noch kurz, bevor er zerfetzt wurde, die nationale Identität eines Chinesen, Engländers, Amerikaners oder Russen, doch die freigelegten Knochen, die bloßliegenden Lungen und das Blut nehmen nicht die Gestalt fünf gelber Sterne auf rotem Grund an, noch die des Union Jack, der Stars and Stripes oder von Hammer und Sichel."

Die Zivilisation ist nicht nur das Ergebnis einer rationalen Umgestaltung der Welt, sie ist vielmehr tief verankert in dem mühsam erlernten, schließlich unwillkürlich beherrschten und ausgefeilten Können der menschlichen Körper. Diese kunstvolle Prägung der Physis ist es, die in der schweren Verwundung verlorengeht. Der Körper wird in den gedächtnislosen Rohzustand zurückkatapultiert. "Die Arme, die es gelernt hatten, sich in einer bestimmten Weise zu bewegen, werden aufgelöst; die Hände, die nicht bloß Knochen und Blut in sich hatten, sondern auch Bewegungen, die es ihnen gestatteten, Klavier zu spielen, werden aufgelöst; die Füße, die das habitualisierte Wissen bewahrten, wie man die Pedale eines Fahrrades tritt, werden aufgelöst; der Kopf, die Arme, der Rücken und die Beine, die sich die komplizierte Schrittfolge eines Tanzes eingeprägt hatten, werden aufgelöst; sie alle werden zusammen mit dem Gewebe zerstört, dem empfindungsbegabten Ursprung und Ort allen Lernens."